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Jussi Adler-Olsen: Abteilung Q, sechster Band

jussiadlerolsen_band6Vom Anruf eines Polizisten aus Bornholm, der ihn um Hilfe bittet, lässt sich Carl Mørck nicht aus der Ruhe bringen. Aber als dieser Anrufer sich wenige Stunden später erschießt, wird die Abteilung Q dann doch in die Ermittlung um einen ungeklärten Todesfall hineingezogen. Assad, Rose und Carl reisen auf die Insel, um zu erkunden, was diesen Bornholmer Kollegen seit beinahe 20 Jahren keine Ruhe gelassen hat: Eine Kursteilnehmerin einer Volkshochschule ist 1997 bei einem Verkehrsunfall mit Fahrerflucht ums Leben gekommen. Oder war es vielleicht doch etwas anderes?

Offenbar wissen manche, die damals mit der jungen, bildhübschen Alberte zu tun hatten, doch mehr als sie sagen wollen. Und was genau hat es eigentlich mit dieser esoterischen Kommune auf sich, die damals auf Bornholm lebte? Und was war mit dem alten VW-Bulli? Das Ermittlerteam arbeitet sich systematisch durch die umfangreichen Unterlagen, die der tote Bornholmer Polizist Habersaat im Rahmen seiner Ermittlungen angesammelt hat. Aber führt wirklich jede heiße Spur auch weiter?

Jussi Adler-Olsen ist mit „Den grænseløse“ wieder ein spannender Krimi gelungen – der sechste Band der Serie um den schrulligen Ermittler Carl Mørck und seine nicht minder markanten Kolleg_innen der Abteilung Q, der Ende Oktober 2014 im dänischen Original erschienen ist. Eine undurchsichtige Geschichte – immer, wenn man als Leser_in meint, einem Geheimnis auf die Spur gekommen zu sein, ist es doch etwas verwickelter als gedacht. Geschickt verbindet Adler-Olsen die Geschehnisse von damals mit der Gegenwart: Die Leser_innen erleben den Guru Atu, der auf der schwedischen Insel Öland die pseudoreligiöse „Naturabsorptions-Akademie“ betreibt (und es genießt, dass sich ihm die weibliche Anhängerschar nur allzu bereitwillig hingibt). Sex, Macht, Eifersucht und Mord: Es geht letztlich doch sehr menschlich zu in der „Familie“ dieses charismatischen Gurus. Und wo genau ist die Verbindung zu dem Unglücksfall von damals auf Bornholm?

Die Bornholmer sind ein besonderes Völkchen – auch das lernt man aus der Perspektive der übrigen Dänen. Die Insel liegt dichter an Polen und Schweden als an Dänemark, und ob die Bornholmer jemals richtig dänisch sprechen lernen, kann wohl auch bezweifelt werden, wenn man Carl Mørck glauben darf. Ja, es sind auch diese spöttischen Einblicke in die dänische Gesellschaft, die die Krimis von Adler-Olsen so reizvoll machen.

Wie in jedem Band blicken wir ein wenig mehr hinter die Kulissen der Hauptpersonen. Wir ahnen immer ein bisschen mehr, welche Geschichte Assad mit sich herumtragen mag. Auch die Seelenwindungen von Carl werden natürlich nicht wirklich geklärt, obwohl wichtige Details zu der Amager-Schießerei ans Tageslicht kommen, in die Carl mit seinen Kollegen Hardy und Anker verstrickt war. Diese um den eigentlichen Krimi herum konstruierten Erzählstränge, die uns sicherlich bis zum letzten Band der Serie begleiten werden, helfen, sich wieder zuhause zu fühlen in der Geschichte, auch wenn seit dem letzten Buch schon wieder zwei Jahre vergangen sind. Sie machen aus einem Adler-Olsen immer mehr als nur einen Krimi. Ein Psychogramm der Protagonisten – da gibt es auch diesmal einiges zu entdecken (ohne dass ich hier schon etwas davon verraten wollte).

Ob die Erzählung außerhalb der eigentlichen Ermittlungsgeschichte bis zum Ende des geplanten zehnten Bandes trägt? Wenn weiterhin zwischen den einzelnen Veröffentlichungen zwei Jahre liegen, wird es schwer werden, den Überblick zu behalten, es sei denn, man liest immer wieder vorweg die alten Bücher. Es wird Zeit für ein Kompendium, ein Nachschlagewerk zu den wichtigsten Episoden im Leben von Carl, Assad, Rose, aber auch Hardy, Mona und den anderen. Oder wie wäre es mit jeweils einem einführenden Kapitel „Was bisher geschah“? Ein Sammelband mit den Kamelsprüchen Assads wäre auch eine gute Idee. Einfach, damit man sie als Lebensweisheiten immer parat hat.

Übrigens ist auch Gordon wieder mit von der Partie – der Neuzugang aus dem letzten Band, von dem man immer nicht weiß, ob er wirklich eine Hilfe ist oder den Kollegen mit seiner Langsamkeit und Begriffsstutzigkeit auf die Nerven geht. Langsamkeit kennzeichnet aber ohnehin diesmal die Ermittlungen – das heißt, eigentlich ist die Gruppe um Carl recht flott unterwegs, aber irgendwie kommen sie bis zum Schluss doch immer zu spät.

Auch diesmal ist der Krimi mit viel dänischem Humor, Sprachwitz und einer ironischen Leichtigkeit geschrieben, die einfach Spaß macht. Aber die Story lebt nicht allein davon – sie ist weit entfernt vom Klamauk und Stereotype. Die Typen dieser Geschichte sind wie immer sehr markant und auf angenehme Weise überzeichnet. Aber Adler-Olsen gleitet nicht ins Groteske ab – nicht einmal in den Schilderungen dieser lebensentrückten Sektenanhängern. Auch da trifft die Überzeichnung viel zu sehr die Wirklichkeit, die wir aus dieser Szene kennen.

Die Erzählung hat unbestreitbar Längen – man wünscht sich doch mitunter, Adler-Olsen oder sein Lektorat hätten die eine oder andere Fährte etwas knapper und weniger redundant gefasst. Selbst im Showdown, der in der Akademie auf Öland beginnt und dem zwei weitere Showdowns folgen, hätte ich mir mehr Tempo gewünscht. Aber vielleicht gehört die Umständlichkeit diesmal auch zum Plott.

Jussi Adler-Olsen (Foto: Claus Helveg)
Jussi Adler-Olsen (Foto: Claus Helveg)

Der dänische Originaltitel „Den grænesløse“ ist überzeugend gewählt. Seine Bedeutung ist schillernd – „Der Grenzenlose“ oder „Die Grenzenlose“? Grenzenlosigkeit ist (neben der Eifersucht) das durchgehende Motiv, das wird schnell deutlich und der Eindruck verstärkt sich bis zum Ende des Buches. Letztlich handeln nahezu alle Personen, die in diesen Fall verwickelt sind, grenzenlos. Und das prägt auch die Arbeit (und das Leben) des Ermittlerteams. Ich bin gespannt, welchen Titel der Verlag für die deutsche Übersetzung wählt. Vermutlich wird er wie bisher der deutschen Titelserie folgen und somit in Bezug auf den Inhalt weniger markant sein – aber das dänische Original bleibt ja meistens als deutscher Untertitel erhalten.

Ich finde den neuen Band wesentlich besser als den letzten („Marco effekten“), der mir doch sehr heldenhaft und konstruiert zu sein schien. „Den grænseløse“ macht doch wieder Lust auf mehr. Meine Sorge, dass die Bücher dieser Reihe von Mal zu Mal schwächer werden könnten, wie es bei Serien so oft passiert, ist nach diesem Buch wohl eher unbegründet. Aber die Stärke der Reihe, nämlich die Kontinuität in Stil und Inhalt, birgt dadurch zugleich ihre Schwäche: Jussi Adler-Olsen wird von Band zu Band berechenbarer. Dass das bei Krimireihen nicht so sein muss, zeigt Jo Nesbø mit der Harry-Hole-Serie. Aber Adler-Olsen schreibt ja noch vier Mørck-Bände, mit denen er uns überraschen kann.

Die deutschen Leser_innen müssen sich vermutlich noch bis Ende März 2015 gedulden – dann soll der neue Jussi auch in deutscher Übersetzung vorliegen. Wer Adler-Olsens Stil mag, kann sich aber schon jetzt darauf freuen. In meinem persönlichen Ranking der Abteilung-Q-Reihe landet dieser Band auf Platz 5. Das klingt schwächer, als es ist – die Leseempfehlung gilt trotzdem „grenzenlos“.

Jussi Adler-Olsen, Den grænseløse. Polikens Forlag, Kobenhagen 2014

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Uwe Martens: Birdy. Bücher. Dansk. Djembé. Dram. Drum. FCSP. Foliba. Fotos. Kirche. Majiang. Musik. Oldenburg. Politik. PPP. PR. Web. Welt. Zukunft. 1959.

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