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Blutwurst und pneumatisches Petting: Erinnerung an einen Kunstlehrer

Mit einer vielsagenden Traueranzeige in der heutigen NWZ verabschiedet sich das Lothar-Meyer-Gymnasium in Varel von einem ehemaligen Lehrer: „Er vertrat das Fach Kunst … auf eine für viele Schüler unvergessliche Weise“.

Gibt es denn eigentlich noch Typen im deutschen Schulsystem? So wie früher? Wie den 75-jährigen Ex-General und Lateinlehrer, der sich, klein von Statur, Anfang der 1970er Jahre vor den langhaarigen Bombenlegern der Oberstufe aufbaute und brüllte: „An euch geht das deutsche Vaterland zugrunde“? Den wiederbelebten, längst pensionierten Musiklehrer, der mit dem Stock beinahe die Tafel zertrümmerte, weil wir einfach nicht verstanden, was er von uns wollte? Den Physiklehrer, der auch mitten im Unterricht Zigarre rauchte? Der ehemalige Kunstlehrer gehörte in diese Kategorie der Originale – wenn auch ganz anders als die anderen. Ein unkonventioneller Lehrer.

Bereits in der fünften Klasse wurden wir mit ihm konfrontiert. Er herrschte allein in dem Kunstraum unter dem Dach mit den muffig-modrig riechenden Seitenräumen. Eine imposante Gestalt. Schwarz oder zumindest dunkelgrau gekleidet. Langsame Bewegungen. Ein Tonfall, der stets deutlich machte, wie große der Höhenunterschied zwischen ihm und der restlichen Welt war. Wir hatten Angst vor ihm. Wenn einige von uns in die Abstellräume geschickt wurden, um etwas zu holen oder zu sortieren, dann ging ein Schauer über unsere Rücken. Was würde uns hinter diesen Türen erwarten? Chaos, Unordnung, Kunst und die Welt eines Künstlers – eine gewisse Anrüchigkeit. Dort standen Kunstwerke neben Farben, Pinseln, Werkzeug, Schränken, Installationen. Den ersten echten gemalten Frauenakt meines Lebens dürfte ich in dieser Rumpelkammer gesehen haben.

Wenn wir unsere Kunstarbeiten abgeben mussten – ich erinnere mich noch an Farbübungen und Scriptolzeichnungen – dann wurden die Tische von der Fensterseite abgerückt, die Zeichenblockblätter wurden auf den Fußboden verstreut, und dann sortierte er mit dem großen, breiten Besen die entstandenen Werke nach ihrer Qualität. Die guten nach vorn, die schlechten ganz nach hinten. Dann notierte er die Namen und die Noten und fegte alle Bilder wie Unrat auf einen großen Haufen. Natürlich riss bei dieser ruppigen Behandlung auch mal ein Zeichenblatt ein. Wahre Kunst war das vermutlich eh nicht für ihn: „Das sieht ja aus wie ’ne Moorleiche“ waren noch die freundlichsten Kommentare zu unseren Werken. Kunst blieb für uns damals unheimlich und geheimnisumwittert. Und dieser Kunstlehrer auch.

Die Faszination für dieses Genie war den Oberstufenschülern vorbehalten. Legende sind die Feten bei ihm in Dangast, wo er in Hafennähe ein altes Haus mit einem großen Grundstück bewohnte. Alkoholische Getränke in seltsamster Mischung, dargeboten in einer Badewanne. Zinkwannen voll Brötchen mit Blutwurst, die die Schüler zu essen gezwungen wurden. Dazu die unendliche Weite elitärer Diskussionen über die Kunst, den Menschen und die Welt. Diese Feten waren ein Initiationsritus. Wer das überstanden hatte, gehörte dazu. Es war wohl kein Zufall, dass er Dangast als Wohnort gewählt hatte.

Im Unterricht las er ausführlich eine überregionale Tageszeitung. In der großen Pause aß er das Ei, das er in seiner Westentasche dabei hatte („der schwarze Mann mit den Eiern“). Tuschelnde Schüler forderte er auf, mit dem „pneumatischen Petting“ aufzuhören. Bildreiche Sprache und Beschimpfungen waren seine Leidenschaft.

Ein Lampenwechsel im Kunstraum wurde zum Happening: Ein Schüler musste die lange Leiter aus dem Nebenraum holen und mit dem Leuchtmittel hinaufsteigen, während ein anderer Schüler die Leiter hielt und der Kunstlehrer von unten ansagte, was zu tun ist. Eine durchaus auch obszöne Inszenierung, Aktionskunst im Kunstraum, gewissermaßen.

Die vernichtende Bewertung eines Kunstwerkes („Du hast dir Mühe gegeben“) konnte noch zu einer akzeptablen Note führen, zumindest bei gestrickten Exponaten. Er verwies Schüler deutlich auf ihren Platz im Leben: „Architekt willst du werden? Da gibt es zwei Sorten: Die einen bauen großartige Häuser, die anderen Kaninchenställe – und das willst du doch nicht!“

Natürlich gab es in einem Schülerjahrgang nur wenige wahre Talente. Hatte er sie entdeckt, förderte er sie nahezu bedingungslos. Viele interessante Projekte hat er ermöglicht in seinem Reich unter dem Dach. Die Kunstbanausen an der Schule strafte er mit seinem besonderen Humor. „Er öffnete für Generationen von Schülern und Schülerinnen … die Tür zur Kunst“, formuliert eine andere Traueranzeige in der Zeitung.

Nun ist er im 84. Lebensjahr verstorben. „Er vertrat das Fach Kunst … auf eine für viele Schüler unvergessliche Weise“ – ja, er war ein genialer Lehrer im Biotop Schule. Auf seine Weise. Wir werden ihn in guter Erinnerung behalten.

über

Uwe Martens: Birdy. Bücher. Dansk. Djembé. Dram. Drum. FCSP. Foliba. Fotos. Kirche. Majiang. Musik. Oldenburg. Politik. PPP. PR. Web. Welt. Zukunft. 1959.

  1. Annette

    Ich werde ihn nicht in guter Erinnerung behalten. Diesen Typen. Schüler waren ihm lästig, er machte uns Angst, er erniedrigte uns, er unterrichtete nicht, er gab keine Anleitungen, er kannte keine konstruktive Kritik, er begründete niemals. Willkür ist das was ich in seinem Unterricht gelernt habe, kennen und erkennen. Wir hatten keine Vornamen, wir waren für ihn keine Individuen, es gab Strafarbeiten für alles oder nichts, die wurden dann zerrissen . Aufzuheben waren sie vom Fußboden zu seinen Füßen.
    Erinnern will ich die wunderbaren Ringelnatztexte, die kühnen Papierarchitekturen, die wir ohne Anleitung bastelten, Skriptolzeichnungen und unendlich viele Anregungen, die ich erst spät als solche erkannte. Spiegel lesen. Aber diese Gedanken werden von Unbehagen überlagert.
    Ich habe mir nie Gedanken gemacht warum er wohl Lehrer wurde. Sicher nicht aus Neigung. Welche Obsessionen er hatte, was ihn quälte, es muss mächtig gewesen sein.

    • Was die mangelnden pädagogischen Fähigkeiten angeht, hast du ohne Zweifel recht. In der Mittelstufe etwa war er fehl am Platz. Vermutlich gibt es aber einen Typ Kunstschüler/in, den er inspiriert hat. Sich auf ihn einzulassen, war viel Arbeit, und vollkommen vergebens für Leute mit mangelndem Talent (wie ich einer war). Interesse hatte er nur an denen, die in seine Welt passten.
      „Obsession“: Ja, das vermute ich auch. Er war mehr Künstler als Lehrer. Die Frage ist, ob Schule (und Schüler/innen) das verkraften konnten. Ich meine, ja – aber vermutlich spricht auch viel für ein Nein.

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