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„Mutti wird nie müde“

Text SachkundeSo faszinierend, dass ich erwäge, daraus regelmäßig im Blog zu berichten: Meine Sachkunde-Mappe aus dem dritten Schuljahr. Heute gibt es noch einmal einen Beitrag aus dem Mai 1968, ein paar Tage nach dem letzten veröffentlichten Text von unserer Lehrerin Frau Westenberger diktiert.

Vorab aber noch eine Erläuterung für die scharfen Rechner: Warum war ich mit acht Jahren schon in der dritten Klasse? Ich hatte das seltene Glück zu einem Jahrgang zu gehören, der gleich mit zwei bahnbrechenden Schulreformen zu tun hatte. Da war zunächst das Kurzschuljahr: Mein erstes Schuljahr dauerte nur wenige Wochen vom April bis zum Sommer 1966. „Uwe hat einen guten Anfang gemacht“, schrieb Lehrer Krause in mein Zeugnis, und ab August 1966 waren wir in der zweiten Klasse. Das war damals die endgültige Endkopplung von Konfirmation und Schulabschluss.

Die zweite Reform betrifft das Gymnasium. Wir waren der erste Jahrgang, der in Varel die reformierte Oberstufe erlebt hat. Mit allen Vorteilen, die solche Experimente aus meiner Sicht mit sich bringen: Viel Freiheit, viel Chaos, wenig Unterricht. Aber davon vielleicht an anderer Stelle mehr.

Nun aber der Sachkunde-Text vom 13. Mai 1968:

Mutters Tageslauf
Mutti steht als erste auf. Sie bereitet das Frühstück und weckt die Familie. Sie zieht die kleinen Kinder an und schickt die großen zur Schule. Dann macht Mutti die Wohnung sauber und kocht Mittagessen. Danach wäscht sie ab und hilft den Kindern bei den Schulaufgaben. Nachmittags arbeitet Mutti im Garten oder macht Besorgungen. Nach den Abendbrot versorgt Mutti die Kinder und sieht die Kleidung nach. Unsere Mutti wird nie müde für uns zu arbeiten, darum wollen wir auch immer lieb und dankbar sein.

Ich bin sicher, manche unserer damaligen Unterrichtsinhalte würde heutzutage auf den Index kommen: Jugendgefährdung pur, was das Rollenverständnis von Mann und Frau betrifft.

über

Uwe Martens: Birdy. Bücher. Dansk. Djembé. Dram. Drum. FCSP. Foliba. Fotos. Kirche. Majiang. Musik. Oldenburg. Politik. PPP. PR. Web. Welt. Zukunft. 1959.

  1. Roland Kupski

    Ich erinnere mich sehr gut daran, dass mein Vater damals noch die 48 Stunden-Woche hatte und auch Samstags arbeitete. Meine Eltern hatten gar keine Chance, es irgendwie anders zu gestalten. „Am Samstag gehört Pappi mir“ war eine der für mich umwälzendsten Veränderungen meiner Kindheit: Wir fuhren gemeinsam einkaufen, was schon eine Erleichterung war. Kaum noch nachvollziehbar, wie anders das Leben war. Ich bin gespannt, was Du noch so ausgräbst.

  2. Ich finde es interessant, wie uns diese Rollenklischees eingeimpft wurden. Von einer Lehrerin, die selber mit Familie einer Vollzeitbeschäftigung nachging.
    Spannend zudem, dass auch diese Beschreibung der lieben Mutti und der lieben Kinder so unvollständig bleibt. Meine Mutter z.B. hat unsere Familie einige Zeit durch ihre Arbeit in einem Imbiss über Wasser gehalten, als mein Vater arbeitslos war. Und als ich in der dritten Klasse war, arbeitete meine Mutter als Putzhilfe, weil das Familieneinkommen einfach nicht ausreichte. Mein Vater arbeitete im Drei-Schicht-Betrieb – dadurch konnte er z.B. auch einkaufen und auf die Kinder aufpassen.
    Es war sehr viel heile Welt in diesem Unterricht damals – das wird mir im Nachhinein so deutlich.

  3. Roland Kupski

    Deswegen war „68“ ja auch so ein Schock: Gerade die „gut erzogenen“ Kinder aus „bestem Hause“ rebellierten. So richtig lernte ich die Heile-Welt-Lüge erst auf dem Gymnasium kennen, als ich die Bürgerkinder plötzlich um mich hatte, die keine Knappheit kannten und deren Mütter tatsächlich zu Hause „rumhockten“ (O-Ton meine Mutter) und eine Wahnsinnsenergie dafür verbrauchten, eine Waschmittel-reklame-Familie zu sein. Dafür gab es bei uns einfach keine Zeit.
    Mehr von Deinen Texten, das ist sehr anregend.

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