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Jussi Adler-Olsen: Abteilung Q, fünfter Band

Jussi Adler-Olsen
Jussi Adler-Olsen (Fotograf: Phillip Drago Jørgensen)

Anfang Dezember 2012 ist – mit gehöriger Verspätung – der fünfte Band aus der Reihe der Abteilung-Q-Krimis von Jussi Adler-Olsen im dänischen Original erschienen. „Marco effekten“ ist der Titel. Hält die Story, was sich die Leserinnen und Leser der ersten vier Bände erwarten? Nun ja, wie sage ich es, ohne allzu viel zu verraten?

„Marco effekten“ handelt von den Erlebnissen eines 15-jährigen Jungen, der von seinem Klan wie viele andere Kinder und Jugendliche auf Kopenhagens Straßen geschickt wird, um zu betteln, zu stehlen, einzubrechen. Zola, der Chef des Klans, hat scheinbar alle und alles fest im Griff. Mit viel Gewalt und Einschüchterung traut sich niemand, gegen ihn aufzubegehren.  Als Marco hinter einige grausame und tödliche Machenschaften kommt, kennt Zola kein Pardon – der Junge muss beseitigt werden. Die Jagd beginnt – eine lang dauernde Flucht, auf der Marco nicht nur den Fängen der Klanmitglieder und anderer krimineller Banden und der Polizei zu entkommen sucht. Er ist auch auf der Suche nach einer Zukunft, die ihm andere Perspektiven bietet als sein bisheriges Leben.

Es gibt noch weitere üble Geschichten in dem Krimi: Betrug mit Entwicklungshilfegeldern in Kamerun und eine kriminelle Banker-Szene. Auch hier müssen unsichere Mitwisser entfernt werden, versuchen Beteiligte, ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Es gibt Hintermänner. Ehemalige Kindersoldaten tauchen als gedungene Mörder mitten in Kopenhagen auf. Und alles hängt mit allem zusammen.

Das merkt auch das Ermittlertrio der Abteilung Q – obwohl Carl Mørck, Assad und Rose diesen Fall doch eigentlich eher zufällig auf den Tisch bekommen. Trio? Nein, diesmal ein Quartett, denn mit Gordon hat der Keller Zuwachs bekommen, nicht unbedingt zur Freude von Carl Mørck. – Mehr will ich zum Inhalt nicht ausplaudern; sonst würde ich doch zuviel vorwegnehmen.

Aus meiner Sicht ist „Marco effekten“ der schwächste der bisher erschienen Bände dieser Reihe. Wie immer arbeitet Adler-Olsen mit nebulösen Geschichten, mit Verbindungen, wo es auf den ersten Blick gar keine gibt, mit Konstruktion und Zufall. Das unterscheidet ihn vielleicht auch gar nicht so sehr von anderen Krimiautor/innen – obwohl er hier auch in früheren Romanen zur Übertreibung neigte. Diesmal wirken manche Zusammenhänge einfach zu weit hergeholt, zu künstlich und manche Zufälle zu zufällig, um vollkommen unbeschwert durch die Geschichte zu kommen. Die Titelfigur Marco wird recht heldenhaft in Szene gesetzt und erinnert stellenweise sehr an eine Neuausgabe von Harry Potter. Er verkörpert irgendwie das Gute, er bleibt – auch verletzt – lange unbesiegbar. Und so lesen sich etwa die (zu vielen) Seiten minutiöser Schilderung von Verfolgungsjagden eher wie ein Abenteuerroman für Jugendliche als wie ein echter Krimi. Manche Figuren sind zudem einfach zu sehr Klischee, als dass sie noch glaubwürdig sein könnten.

In „Marco effekten“ erzählt Adler-Olsen natürlich auch wieder von der dänischen Gesellschaft. Von dem Sichtbaren, aber auch von dem, was sich unter der Oberfläche bewegt. Aber dennoch ist das Buch lange nicht so politisch wie seine Vorgänger – es legt nicht so schonungslos offen, wie wir es von den ersten vier Büchern gewohnt sind. Dazu ist es letztlich nicht subtil genug. Obwohl die Geschichte einiges bieten könnte: Bandenkriminalität im Alltag einer nordeuropäischen Hauptstadt, die Machenschaften von Ministerialbürokratie und Banken, bürgerliche Milieus und die Gesichter der Stadt. Aber es reicht nicht so tief wie sonst schon, weil der Ausgangsstoff zu schablonenhaft ist. So fällt selbst die muntere Szene im „Freistaat“ Christiania eher fad aus und wirkt ein wenig bemüht.

Also ein Flop? Mitnichten. Wie immer ist ja die Kriminalgeschichte nur ein Teil der Erzählung. Es geht auch um den Alltag in der Polizeibehörde (mit spannenden personellen Entwicklungen), es geht um das Miteinander von Carl, Assad (dessen Geheimnis wieder ein kleines Stück mehr gelüftet wird) und die immer selbstbewusster agierende Rose, es gibt wieder viele Kamel-Sprichwörter, es geht um die Amager-Schießerei (diesmal nicht so zentral), es geht um den Gesundheitszustand von Mørcks Freund und Kollegen Hardy. Und natürlich um das komplizierte Liebesleben von Carl Mørck. Mona, zum Beispiel. Und in dieser Verknüpfung von Erzählsträngen ist das Buch trotz allen Längen und Ungereimtheiten spannend und lesenswert. Ein Muss ohnehin für alle, die die weiteren Bände auch lesen wollen. Das ist wie bei der Lindenstraße: Wenn man zuviel verpasst, kommt man schlecht wieder rein.

Gut gefällt mir das letzte Kapitel. Hier gibt es einen überraschenden Nachklapp, der zwar auch auch konsequent der Gerechtigkeitsidee des Buches folgt (in der das Gute immer gewinnt), die hier aber originell umgesetzt wird. Ein bisschen mehr von dieser Spritzigkeit hätte dem Buch auch an anderen Stellen gutgetan.

Der schwächste Band der Serie – aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Adler-Olsen hat nun einmal einen spannenden Erzählstil, der auch über die nicht so glatt gemeisterten Klippen der Geschichten hinweghilft. Ich habe den fünften Band trotz aller Kritik sehr gern gelesen – und sicher nicht nur, weil ich das im Urlaub in Dänemark getan habe.

Während die deutsche Fangemeinde noch auf die Übersetzung von Band 5 warten muss (warum dauert das eigentlich immer so lange?), freue ich freue mich schon jetzt auf das Erscheinen des sechsten Bandes. Keine Frage: Ich bleibe Jussi Adler-Olsen, Carl Mørck und dem ganzen Team gern auf den Fersen.

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