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Urlaubszeit – Lesezeit

KindleUrlaub bedeutet auch immer: Zeit zum Lesen. Und so war mein Urlaubs-August auch davon geprägt, wobei ich nahezu ausschließlich (bis auf eine Ausnahme) nur eBooks auf meinem Kindle gelesen habe. Noch nie war eine Lesephase bei mir so krimi-lastig wie die letzten Wochen. Sollte ich meine Lesevorlieben doch noch ändern?

Gern gebe ich hier einen Einblick in meine Urlaubslektüre, und ich füge jeweils einen kurzkritischen Satz an. In der Lesereihenfolge: 

Arne Dahl: Böses Blut

Ein Serienmörder, ein bisschen Vietnamkrieg, aber letztlich vor allem eine Vater-Sohn-Geschichte. Nicht ganz glatt erzählt, trotzdem aber spannend zu lesen.

Robert Seethaler: Die weiteren Aussichten

Das reinste Vergnügen: Die Protagonisten, die irgendwie sowieso nie dazugehören dürfen, brechen mit der gesellschaftlichen Konvention und entdecken damit ungeheure Freiräume. Ein bisschen traurig und melancholisch mitunter, aber ungeheuer zärtlich und immer wieder amüsant und vor allem voller Überraschungen. Sehr lesenswert! (Aber: kein Krimi.)

Håkan Nesser: Die Einsamen

Die Erlebnisse in der Studienzeit lassen eine Gruppe sehr unterschiedlicher Menschen nicht wieder los. Der Versuch, Normalität zu leben, misslingt – immer wieder werden sie von ihrer eigenen Geschichte eingeholt. Zwei Todesfälle markieren diesen Lebensweg. Viel Tristesse, faszinierend inszeniert. Lesenswert.

David Osborn: Jagdzeit

Ein Klassiker: Abartige Rituale aus Gewalt, Alkohol und Jagdfieber sollen vier Wohlstandsamerikanern ein Gefühl von Leben und Abenteuer vermitteln. Für ein paar Wochen im Jahr nisten sie in ihrer Scheinwelt, bis sie eines Tages von ihrer Jugendgeschichte eingeholt werden, in der die Exzesse ihren Ausgangspunkt hatten. Eine Abrechnung mit der Pseudomoral amerikanischer Saubermänner – das gibt dem Buch dann doch einen gewissen Platz im Krimi-Kanon.

David Nicholls: Keine weiteren Fragen

Leichte Urlaubslektüre – und wieder so ein Wie-aus-Jugendlichen-vielleicht-doch-irgendwann-Erwachsene-werden-Roman. Spätpubertierende College-Studenten und -Studentinnen suchen: Beziehungen, Distanz zum Elternhaus, einen Umgang mit sich und ihren Gefühlen etcpp. Na ja, wenn man Zeit hat, kann man’s mitnehmen. Aber in dem Genre gibt es deutlich Besseres.

Eva Almstädt: Grablichter

Nach drei Seiten wusste ich, warum es dieses Buch für den Kindle umsonst gab. Der Plot dieses Krimis (Reiterin bricht sich den Hals, aber dann war es doch ein Mord – warum nur? Und was hat das mit der Umgehungsstraße zu tun oder mit dem örtlichen Bestatter oder dem Hausfrauensex am Vormittag?) mag noch eine gute Idee sein, aber die sprachliche Provinzialität des Buches lädt nur noch zum Haare raufen ein. So stelle ich mir die Krimis vor, die aus dem Fernstudiengang „Hilfe, ich bin Schriftsteller/in“ geboren werden. Finger weg.

Michael Prahl, Christoph Nagel: FC St. Pauli – Alles drin: Der Verein und sein Viertel

Gab’s auch umsonst für den Kindle, ist aber für den FCSP-Fan eine nette Lektüre, die 100 Jahre Geschichte des Kiezclubs in amüsanten und auch hintergründigen Anekdoten entfaltet.

Jan Costin Wagner: Das Licht in einem dunklen Haus

Ja, das ist eine Idee von Finnland. Ein Krimi, der durchzogen ist von einer leichten Schwermut, wie man es in einem skandinavischen Krimi erwartet (obgleich Wagner ein Deutscher ist, wenn auch in Finnland lebend). Eine Koma-Patientin wird ermordet, und der Mörder hinterlässt Tränen. Und das alles hängt mit schrecklichen Erlebnissen zusammen, die Jahrzehnte zurückliegen. Mich hat das Innenleben des Protagonisten Kimmo Joentaa fasziniert, das mitunter kurz vor dem Sagbaren stecken bleibt. Schwer fassbares Gefühl, geradezu Eingebung, und immer wieder Melancholie: Für mich das beste Buch dieser Urlaubswochen.

Michael Hjorth, Hans Rosenfeldt: Der Mann, der kein Mörder war

Ein kauziger, eher unsympathischer ehemaliger Polizeipsychologe, ein trotteliger Polizist, ehrgeizige Vorgesetzte, weitere Ermittlerinnen und Ermittler – es ist eine illustre Mischung von Menschen, die da versucht, den verschiedenen Todesfällen eine Lösung zu entlocken. Nach spätestens einem Drittel ahnt man den wahren Hergang und kämpft dann mit dem Autor, der bis kurz vor Schluss versucht, andere Täter plausibel zu machen. Das ist mitunter etwas anstrengend. Der Literaturkritiker Denis Scheck bemängelt, die Akteure würden allesamt wie Studenten im Sozpäd-Seminar reden – na ja, das halte ich für etwas weit hergeholt. Sicher ein Krimi mit gewissen Schwächen, trotzdem aber spannend und auch lesenswert – als Krimi und im Urlaub sowieso.

Jan Costin Wagner: Im Winter der Löwen

Dann habe ich mir noch den zweiten Wagner gegönnt, der aber in der Reihenfolge vor „Das Licht in einem dunklen Haus“ gehört. Das Innenleben des Protagonisten spielt wieder eine große Rolle, aber ist längst nicht so eindrucksvoll wie im „dunklen Haus“. Die Geschichte für meinen Geschmack eher fad, und der Stil könnte doch zu Abnutzungserscheinungen führen, wenn immer die gleichen Erzählmuster benutzt werden. Ich bin froh, mit dem anderen Buch angefangen zu haben und würde „Im Winter der Löwen“ als nicht zwingend erforderlich einschätzen.

Allen, die sich nun zu dem einen oder anderen animiert fühlen: Viel Spaß bei der Lektüre!

über

Uwe Martens: Birdy. Bücher. Dansk. Djembé. Dram. Drum. FCSP. Foliba. Fotos. Kirche. Majiang. Musik. Oldenburg. Politik. PPP. PR. Web. Welt. Zukunft. 1959.

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