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Rousseau: Ein skurriles Leben

Buchtitel: Wintzenried300 Jahre wäre er heute alt geworden: Jean-Jacques Rousseau, Philosoph, Pädagoge und manches mehr. Geboren am 28. Juni 1712 in Genf, gestorben 1778 bei Paris. Das wäre doch mal ein Anlass für einen Buchtipp?

Im Deutschlandfunk gab es heute ein „Kalenderblatt“ zu Rousseau – mit all den Lobhudeleien, die Rousseau-Anhänger so gern hören und die so absolut „pc“ sind. Ein Menschenfreund. Ein großer Musiker. Der erste, der das Kind als Subjekt entdeckt hat. Der einen großen Gesellschaftsentwurf formuliert hat – den später Robespierre zu seiner Leitlinie machte. Ein braves Lob über den Gutmenschen, mit der schweren Kindheit, der von seiner Zeit so missverstanden wurde. 

Und nun das Buch, das dieses offizelle Bild mit einer anderen Wahrheit konfrontiert. Karl-Heinz Ott veröffentlichte im Jahr 2011 den Roman „Wintzenried“ und räumte darin auf mit all den Klischees über Rousseau. Menschenfreund? Ott beschreibt einen neurotischen, selbstverliebten, eigentlich ziemlich lebensuntüchtigen Menschen. Seine Ideen zur Erziehung und zur Gesellschaft: Verwirrtes Geschreibsel eines liebeshungrigen, geltungssüchtigen Mannes – der vielleicht auf seine Art auch etwas Geniales hatte. Der zum Leitbild moderner Erziehung wurde – und seine eigenen Kinder zugleich ins Waisenhaus steckte. Der ein wandelnder Widerspruch war. Ewig nörgelnd, ewig kränklich, ewig unglücklich, ewig eitel, ewig neidisch. Sich letztlich nie von seiner mütterlichen Freundin emanzipierend. Ausgerechnet der Frisör Wintzenried ist sein Konkurrent im Bett dieser 13 Jahre älteren Frau. Ein Trauma für Rousseau, wie so vieles in seinem Leben. Genie und Wahnsinn? Mehr Größen- und Verfolgungswahn.

Ich muss gestehen: Ich hatte mich vorher nie so ausführlich mit Rousseau beschäftigt und kannte auch mehr die „Deutschlandfunk-Version“ dieses Denkers und Schriftstellers. Ott hat mir auf literarische Weise nahegebracht, wie leicht schräge Vögel zu Ikonen werden können, wenn ihre Ideen auf den richtigen Nährboden fallen. Karl-Heinz Ott schreibt frech, offen, ehrlich, parteiisch, und gewiss auch schonungslos. Das Buch ist ein Genuss. Auch und gerade 300 Jahre nach der Geburt des Protagonisten.

Karl-Heinz Ott: Wintzenried, erschienen 2011 bei Hoffmann und Campe. Gibt’s auch als eBook. Leseempfehlung!

 

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