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Auf dem Hauptfriedhof

Grabstein

Friedhofsbesuche enttäuschen mich eigentlich nie. Grabinschriften, Grabsteingestaltungen, ja, auch die gesamte Anlage von Friedhöfen und das Leben, das darauf tost, geben Auskunft darüber, wie wir es denn mit dem Tod und den Toten halten. Und so gab es auch bei dem heutigen Besuch auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt reiche Beute.

„Im Tode sind alle gleich“ – wer dieser Lebensweisheit traut, ist offenbar auf dem Holzweg. So wird auch in Frankfurt klassifiziert. Kleine Schilder auf den Gräbern stellen klar, ob es sich um das Grab einer „Persönlichkeit“ handelt oder ob wir es hier „laut Magistratsbeschluss“ sogar mit einem Ehrengrab zu tun haben. Wem es an Ehre oder Persönlichkeit mangelt, geht offenbar leer aus. Der Trost: Die meisten Gräber sind schilderlos.

Schild: Ehrengrab

Schild: Persönlichkeitsgrab

Nun, glücklicherweise kommt es darauf gar nicht an. Den Fuß des Grabsteins der Stoltzes ziert ein vieldeutiges Gedicht, in dem wir unter anderem erfahren, was wirklich zählt:

Grabstein

„Aus der Erde Schooss an das goldene Licht
Drängt sich alles hervor, nur die Todten nicht;
Doch lass‘ sie und denk‘, wie die Thräne auch rinnt:
Nicht Alle sind todt, die begraben sind!

Nicht Alle sind todt, deren Hügel sich hebt!
Wir lieben, und was wir geliebet, das lebt,
Das lebt, bis uns selber das Leben zerinnt;
Nicht Alle sind todt, die begraben sind!“

Nein, wir wollen da nicht weiter drüber nachdenken, was es bedeutet, wenn sich der Hügel hebt und nicht alle, die dort begraben sind, wirklich „todt“ sind. So manche Wiedergänger mag man erleben, wenn man sich nachts auf deutschen Friedhöfen herumtreibt. Aber darum geht es ja nicht. Es geht ums Vergessen. Und wer geliebt wird, bleibt unvergessen. (Übrigens: Seht ihr das kleine rote Schild am linken Rand?)

Unvergessen? Ja, das illustriert das folgende Grab von Willy und Gertrud W.: obgleich Gertrud erst 2010 verstorben ist, liegt dieser Stein quer über ein Grab, an das wohl lange Zeit niemand gedacht hat. Na ja, wir wollen mal die Liebe und den Grad der Erinnerung nicht am Zustand der Gräber messen. (Übrigens: Kein Schild am Rande, weder rot noch grau.)

Verwildertes Grab

Grabgestaltung kann auch folkloristisch sein oder einen Sinn für das Praktische offenbaren – oder beides. So findet sich auf einem Grab dieses Vogelhaus, geschmückt mit einer amerikanischen Flagge:

Vogelhaus auf Grab

Am Pfahl des Hauses ein Vers aus Psalm 91: „Denn Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie Dich behüten auf allen Deinen Wegen.“ Ob es sich demnach nicht um eine Vogel- sondern um eine Engelstränke handelt (auch Engel müssen mal verschnaufen), bleibt ein Rätsel.

Gießkannen

Allenthalben finden sich am Wegesrand auf dem Hauptfriedhof Zeugnisse modernster Bildhauerkunst. Nichts ahnende Kulturbanausen – ich habe es selber beobachtet – zerstören mutwillig diese Skulpturen und nutzen die einzelnen Elemente ganz profan zum Gießen der Blumen auf den Gräbern. So hatte sich das städtische Grünflächenamt den Umgang mit zeitgenössischer Sepulkralkultur sicherlich nicht vorgestellt …

über

Uwe Martens: Birdy. Bücher. Dansk. Djembé. Dram. Drum. FCSP. Foliba. Fotos. Kirche. Majiang. Musik. Oldenburg. Politik. PPP. PR. Web. Welt. Zukunft. 1959.

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