Kommunikation Politik

Das Ende der Privatsphäre

Seit längerem beschäftige ich mit dem Phänomen der „Post Privacy“ – angeregt insbesondere durch die Frage, ob die Nutzung von sozialen Netzwerken in der Jugendarbeit nicht zu einem leichtfertigen Umgang mit persönlichen Daten (ver)führt und daher unterbleiben sollte. Wer sich darüber mit jungen Menschen unterhält, wird schnell merken, dass sich bezüglich der Frage, was Privatsphäre und Schutz persönlicher Daten bedeutet, ein Paradigmenwechsel vollzogen hat. Eine Kritik an der Kommerzialisierung der Daten z.B. bei Facebook scheint dann nach wie vor berechtigt. Aber dort, wo Privatsphäre und Kommunikation miteinander in Beziehung treten, sind wir längst auf dem Weg zu neuen Welten.

Ein Teil der Älteren ist geneigt, insbesondere den jungen Leuten einen leichtfertigen Umgang mit ihren Daten vorzuwerfen. „Sie überblicken gar nicht, was mit ihren Partybildern passiert“, heißt es dann, und diese Befürchtung weckt Schutzinstinkte. Vor allem bei Datenschützern, aber auch sonst. Wie verfehlt diese Einschätzung zumeist ist, habe ich vor kurzen bereits mit einem Zitat von Jeff Jarvis zu belegen versucht. Wer im Zeitalter von Social Media aufwächst, hat ein anderes Verständnis von Privatshäre und Preisgabe persönlicher Informationen. Für die Jugendarbeit heißt die Herausforderung daher nicht: Mauern zu bauen, vor sozialen Netzwerken zu warnen und in der allgemeinen Datenschutzhysterie auf den „Gefällt-mir-Button“ zu verzichten, sondern konsequent auf die Vermittlung von Medienkompetenz zu setzen – um die Ära der Post Privacy als Chance, und nicht als Bedrohung zu sehen.

Und faktisch sind Jugendliche in ihrem Veständnis von Privacy und im verantwortlichen Umgang mit ihren Daten viel aufgeklärter als die meisten Erwachsenen. Sie verweigern nicht unreflektiert und irrational, sondern sie partizipieren kritisch, nehmen Risiken wahr, vor allem aber auch die Chancen moderner Kommunikation.

Mit großem Interesse habe ich in diesem Zusammenhang die Bücher „Public Parts“ von Jeff Jarvis sowie „Post-Privacy: Prima leben ohne Privatsphäre“ von Christian Heller gelesen. Beide machen deutlich, dass nicht das Abschotten von Informationen die Herausforderung der Zukunft ist, sondern der bewusste Umgang mit Daten. Kommunikation setzt auf den Austausch von Informationen. Wenn ich etwas von mir preisgebe, kann ich an der modernen Welt der Daten partizipieren – verrate ich nichts von mir, erfahre ich auch nichts von der Welt um mich herum. Ich kann mich dieser Tatsache nicht entziehen. Und darum muss ich mir bewusst werden, wie meine Haltung zur Privatsphäre ist, was ich von mir mitteilen will und was das für mich und andere bedeutet.

Der offensive Umgang mit Daten und Informationen geht einher mit der Notwendigkeit, diese sortieren, verwerfen und auswählen zu können. Nicht alles ist für alle von Bedeutung – aber welche Informationen will ich von wem zur Kenntnis nehmen? Vielleicht ist diese Frage sogar entscheidender als die Frage, welche Daten ich von mir zur Verfügung stelle.

Christian Heller hat die Frage der Preisgabe übrigens sehr offensiv gelöst. In seinem PlomWiki veröffentlicht er nahezu alle Details seines Alltags. Heller und andere Gleichgesinnte geben damit einen wichtigen Anstoß in der Post-Privacy-Debatte, wohl wissend, dass dieses Konzept der totalen Offenheit nicht für alle gelten wird.

Viel stärker als in der Vergangenheit erleben wir das Ausdifferenzieren des Verständnisses von und des Umgangs mit der Privatsphäre. „Privacy Divide“ ist ein weiteres wichtiges Stichwort in der Debatte – empfehlenswert ist dazu der Artikel „Der ‚privacy divide‘ und unsere Mediengesellschaft“ von Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach in seinem Blog „Haltungsturnen“.

Es wird darum gehen, individuelle Wege zu ebnen. Jeder und jede für sich wird zu entscheiden haben, wie es denn nun sein soll mit Datenschutz, Privatsphäre und dem Teilen von Informationen. Die Grenzziehungen werden unterschiedlich sein. Wichtig ist die Erkenntnis, dass die starre Gesetzlichkeit der Datenschützer die Realität nicht mehr abbildet und ihr darum auch nicht gerecht werden kann. Post-Privacy bedeutet zugleich das Ende des Datenschutzes im klassischen Sinne. Aber auch die totale Offenheit, die von manchen als „Info-Spam“ empfunden wird, ist nicht für alle die Lösung.

Den eigenen Weg zu finden, sich fit zu machen für die Kommunikation und das Teilhaben an der Informationsgesellschaft im besten Sinne – das ist die Aufgabe, der sich z.B. in der Jugendarbeit junge und ältere Menschen gleichermaßen stellen müssen. Die Jugendlichen, die auf diese Weise ihre Welt gestalten und erobern, und die professionellen Jugendarbeiter/innen, die sie dabei begleiten und unterstützen und sich erst einmal oder sogar gemeinsam mit den Jugendlichen die erforderliche Kompetenz aneignen müssen.

Das wird nur gehen, wenn wir nicht festhalten an einer Ideologie von Privatsphäre, die angesichts der kommunikationstechnologischen Evolution unserer Gesellschaft nicht mehr gegenwartstauglich ist. Es geht darum, die Autonomie über den Umgang mit allen Informationen zu erlangen. Ich entscheide, was ich von mir preisgebe und was nicht. Ich entscheide, welche Informationen anderer ich mir aneigne.

Autonomie im Umgang mit Daten: Das bedeutet in der Tat auch eine radikale Infragestellung der Ansprüche des Staates auf die Daten seiner Bürgerinnen und Bürger. Vielleicht ist das sogar der radikalste Aspekt der Post Privacy.

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