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Das Alphabethaus

Jussi lässt auf sich warten. Der 5. Band der Abteilung Q-Serie des dänischen Krimiautors Jussi Adler-Olsen, dessen Erscheinungstermin Ende 2011 zwischenzeitlich auf Pfingsten 2012 verschoben worden war, ist nunmehr erst für den Jahreswechsel 2012/2013 terminiert. Grund genug, dann doch einmal zu einem ganz anderen Buch des Autors zu greifen, um sich die Wartezeit zu vertreiben. Es ist der Debütroman des Bestseller-Autors aus dem Jahr 1997, der aber erst vor wenigen Monaten in deutscher Sprache erschienen ist: Das Alphabethaus.

Ein ganz anderes Buch? Jedenfalls kein Krimi, kein Kommissar Carl Mørck. Nicht einmal Dänemark.

Die Handlung des Romans spielt in Deutschland (übrigens der Grund, warum ich mich entschieden habe, dieses Buch nicht in Dänisch zu lesen). Im Kriegsjahr 1944 wird ein britisches Flugzeug mit den beiden Piloten Bryan und James über Deutschland abgeschossen. Der Verfolgung entgehen die beiden, indem sie auf der Flucht auf einen Zug aufspringen, mit dem verletzte deutsche Soldaten in die Heimat zurückgebracht werden. Sie schlüpfen in die Rolle von verletzten Nazi-Offizieren und landen, als geistesgestört eingestuft, in einem Lazarett in der Nähe von Freiburg. Die beiden Simulanten treffen dort auf drei weitere Simulanten – deutsche Kriegsverbrecher, brutal und skrupellos. Gefährlich wird es, als diese entdecken, dass mit Bryan und James etwas nicht stimmt. Schließlich gelingt Bryan die Flucht aus dem Sanatorium; seinen Freund und Kameraden James muss er seinem ungewissen Schicksal überlassen.

1972, also fast drei Jahrzehnte später – die Gedanken um seinen alten Freund haben den Briten all die Jahre nicht losgelassen. Bryan reist nach Deutschland, um sich auf die Suche zu begeben. Gibt es Hinweise, was aus James geworden ist? Tatsächlich wird Bryan fündig: Er wird konfrontiert mit den deutschen Simulanten aus dem Freiburger Sanatorium, die im Nachkriegsdeutschland unerkannt eine bürgerliche Existenz gründen konnten. Und auch James lebt noch. Was folgt, ist ein brutaler Showdown, eine Abrechnung mit der Vergangenheit.

Das Alphabethaus – also eine Art Kriegsroman? Auch wenn man als Leser und Leserin in der ersten Hälfte des Buches diesen Eindruck hat, stimmt doch die Feststellung von Jussi Adler-Olsen: „Dieses Buch ist kein Kriegsroman. Es erzählt eine Geschichte von menschlichem Versagen und davon, wie leicht es passieren kann, dass Menschen einander im Stich lassen“ (aus dem Nachwort). Und tatsächlich: Von hinten gelesen verschiebt sich die Idee des Buches deutlich. Und so wird folgendes Zitat zum Schlüssel des Romans:

„Dass Freundschaft ein Bündnis auf Gegenseitigkeit war, das war Bryan schon immer klar gewesen. Dass das Handeln des Einen zum Bruch führen konnte, diese Erkenntnis hatte ihn nun fast dreißig Jahre lang gequält. Doch soeben hatte ein neuer Gedanke sich seiner bemächtigt. Ja. Auch am Nicht-Handeln des Anderen konnte eine Freundschaft zerbrechen. Dreißig Jahre hatte es gebraucht, diesen Gedanken zuzulassen“ (J. Adler-Olsen, Das Alphabethaus, S. 575).

Der Plot „2. Weltkrieg“ ist im Grunde austauschbar – bietet aber einen spannenden und anschaulichen Rahmen für die Charaktere und scharf gezeichneten Persönlichkeiten des Romans. Die Kindheitsbeobachtungen des Autors, dessen Vater Psychiater war, schimmern in der brutalen Schilderung des Alltags im Sanatorium in den 40er Jahren durch, und sie erlauben Adler-Olsen, etwa das Verhalten des Briten James (ein Simulant? ein psychisch Kranker?) auch bei der Wiederbegegnung nach Jahrzehnten präzise zu skizzieren.

Ein ganz anderes Buch? In gewissem Sinne: Ja. Aber das Interesse an der menschlichen Psyche, die detaillierte Beschreibung der Vielschichtigkeit menschlicher Existenz, das erbarmungslose Offenlegen von Denk- und Handlungsweisen kranker Typen – das findet sich in diesem Debüt-Thriller ebenso wie in den Mørck-Romanen.

Ich finde: unbedingt lesenswert, zumal es ein spannend geschriebenes Buch ist. Leser und Leserinnen sollten sich nur frei machen von der Erwartung, einen Abteilung-Q-Roman in den Händen zu halten. Es ist mir ein Rätsel, wieso dieses Buch nahezu 15 Jahre gebraucht hat, um ins Deutsche übersetzt zu werden.


Jussi Adler-Oldsen: Das Alphabethaus. Aus dem Dänischen übersetzt von Hannes Thies und Marieke Heimburger; dtv, 2012

PS: Die deutsche Übersetzung des vierten Bandes der Abteilung Q-Serie von Adler-Olsen (im Original: „Journal 64“) ist übrigens für September 2012 angekündigt.

über

Uwe Martens: Birdy. Bücher. Dansk. Djembé. Dram. Drum. FCSP. Foliba. Fotos. Kirche. Majiang. Musik. Oldenburg. Politik. PPP. PR. Web. Welt. Zukunft. 1959.

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