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Margot Käßmann – Botschafterin von gestern oder von morgen?

Ein Beitrag von Aage Jordmundsen

Nun ist sie also wieder da: Margot Käßmann, bis 2010 Landesbischöfin in Hannover und EKD-Ratsvorsitzende, wird für die Evangelische Kirche in Deutschland als Botschafterin für das Lutherjahr 2017 arbeiten. Die neue Frau an der Seite des Dr. Martinus – die Käthe des Jahres, sozusagen. Eine gute Wahl?

Schaut man etwa auf Käßmanns Äußerungen beim Medienforum NRW im Juni 2011, sind Zweifel angebracht. Denn in den letzten 500 Jahren seit der Reformation hat sich die Erde mächtig weitergedreht und die Entwicklung schreitet voran. Ob Margot Käßmann da mithält, muss sich noch erweisen.

Lutherisch ist sie sicherlich, im volkskirchlichen Sinn. Und populär ist sie auch wie dereinst der Reformator. Geht es also um das Gesicht, dann war die Berufung zur Botschafterin ein cleverer Akt der EKD.

Käßmann als „Analog Exile“

Geht es aber um Kommunikation und Gesellschaft, dann erweist sich die Bischöfin a.D. eher als eine derjenigen, die Gunter Dueck in einer Kolumne als „Analog Exiles“ bezeichnet hat. Menschen, die sich weigern, den Fortschritt der gesellschaftlichen Entwicklung auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Und die fröhlich ihre Vorurteile pflegen.

Würde sich Martin Luther heute – 500 Jahre nach dem Thesenanschlag in Wittenberg – moderner Kommunikation bedienen? Würde er seine Botschaft über Twitter und Facebook verbreiten? 95 Tweets gegen den Ablasshandel? Streitposts wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet? Natürlich würde er. So wie die revolutionären Kräfte in aller Welt erkannt haben, welch ungeheures Potential in den sozialen Netzwerken steckt, so hätte auch Martin Luther diese Medien in den Dienst seiner Sache gestellt.

Margot Käßmann ist offenbar anderer Ansicht. Beim Medienforum NRW äußerte sie sich zur Zukunft der Zeitungen, zu Fernsehen und sozialen Netzwerken. In einer Meldung in der NWZ wird sie zitiert: „Im Zeitalter des Internets gewinne die gedruckte Zeitung als Kulturgut, Bildungsangebot und ‚Ort der Entschleunigung’ immer stärker an Bedeutung. … Das Lesen von Printmedien unabhängig von Newstickern und anderen Ablenkungen ermögliche eine spezifische Kultur des Verstehens komplexer Zusammenhänge, sagte Käßmann.“ Und in Unsere Kirche heißt es: „Käßmann hob hervor, Zeitungen eröffneten im Gegensatz zu virtuellen Communitys Zugang zur wirklichen Gemeinschaft. Wenn ein Mensch in Not gerate, brauche er die Unterstützung wirklicher Freunde. ‚Da helfen keine virtuellen Freunde‘, sagte die Theologin.“

Und das sagt sie vermutlich, ohne selber je länger bei Facebook und Co. unterwegs gewesen zu sein. Da ist sie wieder, die Arroganz derjenigen, die genau wissen, was Bildung ist, was den Menschen gut tut, was schlecht ist: reichlich päpstlich, diese Haltung.

Die Möglichkeiten moderner Kommunikation

„Das Lesen von Zeitungen ermöglicht eine spezifische Kultur des Verstehens komplexer Zusammenhänge“? Ja, wir erinnern uns noch gut an die Käßmann-Kolumne in der BILD zu ihren besten Bischöfinnenzeiten, als sie den Lesern z.B. erklärt hat, dass sie für die Streiks in Kindergärten auch kein Verständnis habe – die Erzieherinnen sollten doch vielmehr dankbar sein für relativ sichere Arbeitsplätze. Wie war das? „Zeitungen eröffnen Zugang zur wirklichen Gemeinschaft“. Ach ja.

Die Ignoranz gegenüber der gesellschaftlich-medialen Entwicklung eignet sich kaum zum Transportieren der Lutherbotschaft – jedenfalls nicht, wenn es um den jungen Luther geht. Und beim Lutherjubiläum 2017 steht doch wohl nicht der selbstgerechte, selbstzufriedene, restaurative alte Luther im Mittelpunkt, der sich mehr und mehr in den Widersprüchen seiner konservativen Spätphase verheddert. Es geht doch gerade um den jungen, den ungestümen, den ungeduldigen Mönch Martin Luther, der jenseits persönlicher Eitelkeit umgetrieben wird von seiner Idee einer Entwicklung der Gesellschaft. Von der Basis her. Mündigkeit im Glauben und damit auch im Leben – das ist das Thema des jungen Luther, wenn es denn in das 21. Jahrhundert übersetzt werden soll. Dicht am Volke. Demselben aufs Maul schauend. Die Möglichkeiten moderner Kommunikation nutzend – Buchdruck etwa als technische Plattform für die Verbreitung der guten Nachricht und der Kritik am Papsttum (und damit an der Gesellschaft). E-Books. Zeitungen, ja. Aber auch Facebook und Twitter, oder neuerdings: Google+.

Eigentlich hat das auch Margot Käßmann verstanden:  „Selbst lesen, sich selbst eine Meinung bilden, sind protestantische Grundwerte“, so wird sie von Unsere Kirche zitiert. Nur denkt sie diesen Gedanken nicht zuende.

Wir wissen aus der Vergangenheit: Auch Margot Käßmann versteht etwas von Kommunikation. Sie hat sich in Szene gesetzt. Mein Frisör. Mein Café. Meine … . Auch sie ist beseelt von der Guten Nachricht – wenn es auch mitunter ein bisschen eitel, ehrgeizig, egozentrisch wirkt. Ja, auch sie schaut dem Volk aufs Maul und schafft es, die Herzen der Massen zu erreichen. Aber ist sie noch am Puls der gesellschaftlichen Entwicklung?

Luther-Botschafterin für eine bewahrende evangelische Kirche oder für einen Aufbruch zu neuer Mündigkeit? Wir schauen gespannt auf die anbrechende Lutherzeit.

über

So einfach liegen die Dinge nicht: Aage Jordmundsen schreibt über Kirche, Politik und Kultur – also über das Leben. Kommentiert aus dem Off, aber von Herzen. Meidet das Licht, weil er im Dunkeln besser denken kann. In gewisser Weise ein noch unentdeckter Missing Link.

  1. Planetsafer

    Je länger man in der Kirche dabei ist, desto mehr stellt man fest, daß das Predigen von der Kanzel und das Handeln und reden im Privaten bei den Pfaffen zwei völlig verschiedene Schuhe sind!
    Vor allem das Wort Jesu, das Haus Gottes stünde jederzeit jedem offen, ist ein Ammenmärchen! Vor allem die ev. Kirche ist fast nur noch mit Geldsammeln und mit ihren egoistischen Interessen beschäftigt. Fremde oder seltene Besucher werden mißtrauisch und menschenverachtend behandelt oder mit herablassender Gönnerhaftigkeit. Werde daher auch austreten, wie 160000 andere.

  2. Hallo Planetsafer, deine Position ist mir viel zu pauschal. Als kirchlich Engagierter kann ich dir sagen, es gibt wesentlich mehr positive Erfahrungen als negative. Mit deinen Argumenten müsste man ja alle Organisationen verlassen, ob Sportvereine, Gewerkschaften oder was auch immer. Genauer hinschauen lohnt sich. Und die christliche Botschaft lohnt sich auch. Auch und erst recht dann, wenn man nicht mit allem einverstanden ist, was in der Kirche läuft. Also, einfach mal durchatmen!
    Greetz, um.

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