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Ken Follett – Zeit für einen Verriss

Eigentlich sage ich nichts zu schlechten Büchern, weil ich denke, jeder darf mal danebenliegen, und wenn man mal 250 Seiten liest, die nicht so schön sind: okay. Bei Büchern über 1.000 Seiten ist bei mir aber die Schmerzgrenze überschritten, insbesondere dann, wenn ein solches Buch als gebundenes oder elektronisches Exemplar richtig Geld kostet. Und erst recht dann, wenn dieses Buch auch noch in den Hitlisten der Verkaufsstatistiker auftaucht. Vielleicht ist es also doch einmal Zeit für einen Verriss.

Bisher hatte ich die Bücher des Bestsellerautors Ken Follett erfolgreich ignoriert. Aus Gründen. Aber so viele Leser und Leserinnen können sich nicht irren, dachte ich – und griff zu seinem  jüngsten Werk, zur Jahrhundert-Saga: Sturz der Titanen. Noch nicht gelesen? Dann bitte: Finger weg von diesem Buch!

Der Roman ist eine Aneinanderreihung von banalen Inhalten, schwülstig-tumben Dialogen, klischeehaft bis zum Abwinken. Offenbar weiß der Autor viel – und er versucht, möglichst viel von diesem Wissen in vollkommen überflüssigen Details unterzubringen. Und so bringen viele (zu viele) dieser 1.000 Seiten den Stoff keinen Millimeter voran – während Follett über andere Inhalte, an denen sich Tiefgang lohnen würde, schnell hinweggeht. Natürlich fehlt auch die Erotik – pardon, der Sex nicht. Langweilig, schematisch und aus rein männlicher Fantasie gespeist ist offenbar der Sex zu Beginn des 20. Jahrhunderts, und er begleitet uns in regelmäßigen Abständen durch das gesamte Werk. Aber auch das Liebesspiel hilft dem Inhalt oder dem Spannungsbogen des Romans nicht auf die Sprünge. Es verrät uns mehr über den Autor als über die Protagonisten des Buches.

Vielleicht würde sich das ganze dennoch als Urlaubslektüre eignen, wenn der lesefreudige Mensch am Kiosk auf Malle nun einmal nichts anderes bekommen kann (und in solchen Situationen ist man ja doch duldsamer – wenn als Alternative sonst nur die Groschenhefte aus dem gleichen Verlagshaus zur Verfügung stehen). Wenn nicht, ja wenn dieses Buch nicht auch noch in einer doch bedenklich schlechten sprachlichen Qualität daherkäme. (Dies lege ich aber nicht Ken Follett, sondern den Übersetzern und dem Verlag zur Last).

Worum es in dem Buch eigentlich geht? Um den ersten Weltkrieg, um die russische Revolution, um Bergarbeiter in Wales, um Diplomatie, um schwangere Frauen, um geile Männer, um den Unsinn des Krieges, um die Faszination des Krieges, um halsstarrigen Nationalismus, um Sozialismus, um die Befreiung der Frau, um den Adel, um Armut, um Reichtum, um kriminelle Machenschaften, um Serbien, um Hysterie, um Schwermut, um Gewerkschaften, um den Kaiser, um … – genau das ist das Problem. Follett will möglichst viel Leben aus diesen Jahren in den Roman pressen. Das geht auf Kosten der Qualität. Und so könnte man mit Leichtigkeit knapp ein Dutzend Groschenhefte von je 88 Seiten aus diesem Roman schneidern.

Doch, das Buch hat auch einige spannende Seiten. Hätte Follett sich auf diese ertragreichen Teile der Geschichte beschränkt, sich dafür aber richtig Mühe gegeben, wäre vielleicht ein verdienter Beststeller von 350 Seiten dabei herauskommen. So aber: Wirklich Schund.

Ach, warum verschwende ich eigentlich soviel Worte für ein so schlechtes Buch? Wohl weil ich mich maßlos darüber ärgere, dass ich nicht spätestens nach einhundert Seiten diesen Roman von meinem Kindle gelöscht, sondern mich bis zum bitteren Ende durchgequält habe. Wofür mir sicherlich eine der im Roman verliehenen Tapferkeitsmedaillen zustehen würde.

Vielleicht zum Abschluss noch meine Lieblingsstelle? Bitte sehr:

„Er tauschte Höflichkeiten mit Bea aus – die in zuckersüßem Rosa und cremefarbener Spitze erschienen war …“.

Das hätte Hedwig Courths-Mahler doch kaum schöner sagen können, oder? Also noch einmal: Finger weg!

Ken Follett, Sturz der Titanen: Die Jahrhundert-Saga
1.022 Seiten, Bastei-Lübbe, September 2010

über

Uwe Martens: Birdy. Bücher. Dansk. Djembé. Dram. Drum. FCSP. Foliba. Fotos. Kirche. Majiang. Musik. Oldenburg. Politik. PPP. PR. Web. Welt. Zukunft. 1959.

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