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Protektionismus

Buchkauf auf amazon.de

Einen Blick für das Neue zu haben, ist das eine. Dem Neuen glaubwürdig Geltung verschaffen zu können, ist etwas anderes. Diesen Widerspruch müssen offenbar auch so wohltuend zukunftsorientierte Denker wie Gunter Dueck ertragen. In seinen Veröffentlichungen und Vorträgen skizziert Dueck die Entwicklung der digitalen Gesellschaft – und zwar nicht mit einem abwehrenden Erinnern an frühere, bessere Zeiten, sondern mit der Ansage, sich dieser Entwicklung zu stellen und ihre Chancen zu erkennen und zu gestalten. Davon handelt zum Beispiel auch sein jüngstes Buch „Aufbrechen“, das hier im Blog schon Thema war.

Eines der vielen Details der digitalen Gesellschaft ist, dass auch Bücher ihre Gestalt verändern. Neben die seit Jahrhunderten bekannten gedruckten und gebundenen Werke treten digitale Buchausgaben, sogenannte e-Books, die sich der geneigte Leser, die geneigte Leserin auf spezielle Lesegeräte lädt, um sie – zu lesen. Auch davon war in diesem Blog häufiger die Rede. Welche Veränderungen der Lesegewohnheiten da auf uns zukommen, mag man daran erkennen, dass amazon.com auf dem US-Markt im April 2011 erstmals mehr e-Books als gedruckte Bücher verkauft hat.

Vor ein paar Wochen hat amazon.de für seinen e-Reader Kindle den e-Book-Shop für den deutschen Markt eröffnet. Selbstverständlich sind auch Bücher von Gunter Dueck dort erhältlich, zum Download auf den Kindle. Und wie teuer sind solche e-Books? Aufgrund der Buchpreisbindung in Deutschland und der eher restriktiven Preispolitik der Verlage sind die digitalen Ausgaben in der Regel zum gleichen Preis erhältlich wie sie günstigen Taschenbuchausgaben. So ist es auch bei Duecks Büchern.

Aber halt – was ist das? Da gibt es ein Buch mit dem Titel „Wild Duck. Empirische Philosophie der Mensch-Computer-Vernetzung“ (ein richtig gutes Buch, übrigens). Das kostet als Taschenbuch, gedruckt: 16,95 EUR. Und die digitale Ausgabe bei amazon.de für den Kindle? Man setze sich und staune: 34,95 EUR. Mehr als doppelt so viel.

Gunter Dueck trifft keine Schuld. Die Preise werden vom Verlag (Springer-Verlag Berlin Heidelberg) festgelegt, und amazon.de erwähnt dies sogar ausdrücklich (wohl auch deshalb, weil es so unglaublich ist). Als ich den Autor auf dieses Missverhältnis hingewiesen habe, hat dieser sich sogleich an den Verleger gewandt. Geändert hat sich nach einem Monat aber noch nichts.

Ist diese Preisgestaltung Wucher? Sicher nicht. Kaum jemand wird so blöd töricht sein, sich dieses teure e-Book zu kaufen, da doch die günstige Printausgabe erhältlich ist. Aber was genau bewegt den Springer-Verlag? Hat er so viele gedruckte Exemplare im Keller, dass er befürchtet, darauf sitzen zu bleiben? Eigentlich auch nicht vorstellbar. Wild Duck ist bereits in 4. Auflage erschienen und dürfte seine Bestsellerqualität längst bewiesen haben. Also purer Protektionismus? Sperrt sich der Verlag hier exemplarisch gegen eine Entwicklung, die aber doch nicht aufzuhalten ist? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Ausgerechnet mit diesem Buch? Ausgerechnet mit diesem Autor? (Nachtrag 27.05.11: Nein. Geklärt. Siehe Kommentare!)

Eine kleine Geschichte, nur ein Detail der digitalen Welt: aber ein Sinnbild für die Tragik Ironie des genialen Denkers, der seine Leser/innen mitreißend die Augen für die Zukunft öffnet – und ausgerechnet von seinem Verlag nicht verstanden wird.

Nachtrag (24.05.11):

Einen Tag, nachdem ich diesen Blogeintrag geschrieben habe, wurde der Preis bei amazon.de korrigiert (siehe Kommentar von Gunter Dueck). Er entspricht nun der Paperback -Ausgabe. Nun steht also dem Kauf gar nichts mehr im Wege: digital oder gedruckt. Na los, es lohnt sich wirklich.

4 Kommentare

  1. Hallo Herr Martens,

    das dauert immer ein bisschen, den Preis zu ändern. Springer hat es gleich als Versehen eingestuft und wollte es sofort ändern.
    Heute habe ich bei Amazon geschaut – und es IST geändert.
    Das war doch ein Fehler eines Computers, der einfach den Preis der gebundenen Ausgabe genommen hatte. Es wird immer alles gut…habe ich Ihnen ja gesagt! Danke für Ihren Hinweis, ich sehe ja auch nicht jeden Tag bei Amazon nach!

    Liebe Grüße, Gunter Dueck

  2. Hallo Herr Dueck,
    das war dann ja Haaresbreite: Ich habe den Screenshot ja erst gestern Abend gemacht, kurz bevor ich den Blogeintrag geschrieben habe, weil ich dachte, einen Monat Schonfrist muss ich dem Verlag und amazon schon einräumen. Schön, dass der Springer-Verlag sich offen zu dem digitalen Projekt verhält. Da nehme ich doch gern alle Spekulationen zurück! Dass es nun ein Computerfehler war, beflügelt meine Phantasie auf dem Hintergrund der Dueckschen Theorien natürlich erneut …
    So bleibt diese Geschichte also eine Anekdote. Aber immerhin, Potential hätte das gehabt.
    Danke für den Korrekturhinweis!
    Herzliche Grüße
    Uwe Martens

  3. Hallo Herr Martens,

    es ist jetzt sogar GANZ genau geklärt. Es hat gar nichts mit Springer zu tun, Amazon bietet als eBook die DRITTE Auflage von Wild Duck an, die als gebundene Ausgabe eben 34 Euro gekostet hat und längst vergriffen ist. … Es ist also einfach eine normaler Irrtum passiert – Programmfehler…jetzt hat Springer das irgendwie berichtigt und es hat so lange gedauert, weil Springer einen Sonderwunsch (eBook Preis von Dritte Auflage = Preis von Vierte Auflage) durchgeben musste.

    Darf ich hier einmal eine Lebensweisheit absetzen? 90 % der Fehler gehen auf Unbedachtheiten und Übersehenes zurück, insbesondere 90 % auch von dem, was Menschen beleidigt macht. Man hat an etwas oder einen Menschen beim Handeln einfach nicht gedacht. Vielleicht sind es auch 95 %. Ich glaube deshalb an das Absichtliche oder Böse nur nach sorgfältiger Prüfung! Für das Absichtliche oder Böse braucht man Intelligenz, für Unbedachtheit nicht. Deshalb gibt es wenig Böses.

    Liebe Grüße, Gunter Dueck

  4. Lieber Her Dueck,

    ich danke Ihnen sehr für diese ergänzenden Infos, die nun wirklich jeden Raum für Spekulationen nehmen. Dass es sich beim eBook um die 3. Auflage handelt, war mir in der Tat nicht aufgefallen. Damit hätte ich aber auch nie gerechnet, zumal die Auflage ja einen anderen Text bietet, oder?

    Für Lebensweisheiten bin ich immer zu haben, und an das Gute im Menschen glaube ich schon von Berufs wegen. Tückisch an der Analyse ist aber, dass dann wirklich so viel Verantwortung im Nirwana der Zufälle verschwindet. Aber so ist wohl das Leben.

    Noch mal zum Thema eBook: Mich würde schon interessieren, ob sich dieser Markt irgendwann für so zukunftsorientierte Autoren wie Sie bemerkbar macht. Will sagen: Wenn Botschaft und Medium so einen hohen Deckungsgrad aufweisen, wirkt sich das aus? Den Widerspruch zwischen digitaler Verfügbarkeit und ästhetischem Anspruch an Buchgestaltung muss ein Autor allerdings erst einmal wegatmen (ich habe schon verstanden, dass Sie ein Freund GUTER Bücher im umfassenden Sinne sind!).

    Herzliche Grüße
    Uwe Martens

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