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AKW Unterweser: Verraten und verkauft

Ein Gastkommentar von Aage Jordmundsen

Die Lage ist ernst. Das haben endlich auch die deutschen Atomkonzerne verstanden. So ernst, dass „e.on Kernkraft“ sich sogar mit einer Sonderausgabe des Einblicks, der „Zeitung für die Nachbarn des Kernkraftwerks Unterweser“ zu Wort meldet. Und darin wird erklärt, beruhigt, beschwichtigt, verzerrt – und Angst geschürt.

Im Editorial äußert sich ein gewisser Karl Ramler, technischer Leiter (des AKW Unterweser?). Sein Portraitfoto zeigt ein übernächtigtes, unrasiertes Gesicht, dem anzusehen ist, dass der Mensch dahinter seit Wochen schlecht oder gar nicht geschlafen hat. Ob deshalb, weil er Tag und Nacht im Kontrollraum um die Sicherheit der Bevölkerung bemüht ist, oder deshalb, weil er sich ernsthaft Sorgen um den Fortbestand seines Unternehmens macht, ist nicht bekannt. “Eine Naturkatastrophe solch ungeahnten Ausmaßes [gemeint ist natürlich: wie in Japan] ist in Deutschland nicht vorstellbar“, schreibt Herr Ramler. Genau das war ja auch in Japan das Problem. Eine Katastrophe diesen Ausmaßes hatte sich vor dem 11. März 2011 auch in Japan niemand vorstellen können. Obwohl Anti-Atom-Aktivisten seit mehr als drei Jahrzehnten vor der Gefahr des nicht Vorstellbaren gewarnt haben – in Japan, aber auch in Deutschland.

KKU und Fukushima nicht vergleichbar?

„Das KKU und Fukushima sind nicht vergleichbar!“ – so lautet die Schlagzeile des „Einblicks“. Das wird mit bauartlichen Unterschieden begründet. Ausführlich werden auch die hohen Sicherheitsanforderungen beschrieben, die für Atomkraftwerke in Deutschland gelten. Da ist von Erdbeben und Hochwasser die Rede, auch vom Ausfall der Stromversorgung, der durch Notstromaggregate abgesichert ist. Besonders beruhigend: Sollten alle vier mit Weserwasser gekühlten Notstromdiesel ausfallen, stehen immer noch zwei weitere Dieselaggregate zur Verfügung, die unabhängig vom Flusswasser gekühlt werden – und mindestens zehn Stunden die Versorgung sichern. Zehn Stunden. Gott sei Dank. Es gibt aber ja auch noch mobile Pumpen zur Wärmeabfuhr.

Die Gefahr von Flugzeugabstürzen wird in dem Artikel nur am Rande erwähnt. Ob das AKW Unterweser dagegen gesichert ist oder nicht: Darüber schweigt e.on. Macht nichts. Diese Sicherheitslücke wurde ja schon in allen Tageszeitungen erwähnt. Warum also sollte der Betreiber dazu noch mehr sagen?

Betriebsrat: Sorge um Arbeitsplätze

Aber nicht nur die Betriebsleitung meldet sich zu Wort. In der e.on-Publikation, die der Nordwest-Zeitung am letzten Samstag beigelegt war, äußert sich auch der Betriebsrat. Ob freiwillig oder gezwungen, ob selbst formuliert oder von einer Werbeagentur in die Feder diktiert? Der Betriebsrat weist jedenfalls darauf hin, dass die Mitarbeiter seit über 30 Jahren einen sicheren Beitrieb des AKW garantieren (Hervorhebung von aaj). Und er bedauert, dass den Sorgen und Nöten der Familien der Kraftwerksmitarbeiter in diesen Wochen so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Der Familien in Deutschland, wohlgemerkt – nicht in Japan. Arbeitsplatzverluste, Existenzängste und die Perspektivlosigkeit in der strukturschwachen Region in der Wesermarsch – das sind die Sorgen des Betriebsrates und wohl auch der Menschen rund um das AKW Unterweser.

Auch den Beschäftigten in Esenshamm dürfte längst klar sein: Solch gefährliche Technologie wird fast immer an strukturschwachen Standorten realisiert, denn dort ist nur mit geringem Widerstand der Bevölkerung zu rechnen, und mit großer Dankbarkeit für vermeintlichen oder kurzzeitigen wirtschaftlichen Aufschwung. Das ist in Esenshamm so und in Gorleben. Und auch in Fukushima, wo die Menschen jetzt sagen: Hier gibt es sonst keine Arbeit. Darum bleiben wir hier, obwohl wir wissen, wie gefährlich die Arbeit an den havarierten Atomanlagen ist. Was sollen wir denn sonst tun? Wir haben keine Perspektive.

Fukushima passt nicht in den Zeitplan

Haben die Beschäftigten des AKW Unterweser denn wirklich einmal ernsthaft geglaubt, nach der endgültigen Abschaltung würde das AKW eine gesunde Wirtschaftsstruktur zurücklassen? Die im letzten Herbst beschlossene Laufzeitverlängerung hat doch geradezu ein Aufatmen in der Region gebracht, weil man so weitere Jahre am Tropf dieses Unternehmen hängen und dem vermeintlichen Super-GAU des endgültigen wirtschaftlichen Abstiegs für ein paar Jahre entgehen konnte. Ein Aufschub, keine Rettung. Nach der Abschaltung folgt irgendwann der Abriss. Und dann ist Totentanz in der Region. Fukushima passt da nicht in den Zeitplan der Hoffnung. Wenn die Laufzeitverlängerung zurückgenommen wird? Dann geht an der Wesermündung das Licht aus, fürchten diejenigen, die ihr Brot durch das Atomkraftwerk verdienen.

Über mehr als drei Jahrzehnte sind die Menschen hier ruhiggestellt worden. Mit Steuereinnahmen, Arbeitsplätzen, Kinder- und Volksbelustigung ist ihnen Zukunft vorgegaukelt worden. Die Spaltung der Bevölkerung in Befürworter und Gegner des Atomkraftwerkes wurde hingenommen. Mehr als drei Jahrzehnte, die den Strukturwandel hätten investiert werden können, sind nun verloren. Das merkt auch der Betriebsrat: Verraten wurden die Menschen hier, verraten und verkauft. Von den Profiteuren der Atomindustrie. Und es ist perfide, dass die Argumente um sichere Arbeitsplätze und diese Art von Zukunftssicherung immer noch ziehen – auch nach Fukushima. Was würde denn bleiben, wenn das AKW Unterweser sich in atomaren Rauch auflöste? Wo blieben dann die Arbeitsplätze und die Investitionen in die Zukunft? Ach ja, ich vergaß: Die Mitarbeiter des AKW garantieren ja den sicheren Betrieb? Nein, schon längst hätte die Kehrtwende erfolgen müssen. Auch in der Wesermarsch.

Einsteigen in Zukunftsfähigkeit

„Ein Alleingang Deutschlands wäre der falsche Weg!“. Das ist die Überschrift eines weiteren Artikels in dieser Nachbarschaftspostille. In der Tat. Das wäre der falsche Weg. Der Aufbruch in das Zeitalter regenerativer Energiegewinnung muss weltweit erfolgen. Warum nur schließen die Atomkonzerne aus obigem Satz immer nur, dass Deutschland nicht aussteigen darf? Andersherum wird ein Schuh daraus: Die anderen müssen dazu gebracht werden, auch einzusteigen in die Zukunftsfähigkeit.

E.on selber spricht es aus: „Ziel sollte es sein, einen Energiemix zu finden, der ökologisch verantwortbar und bezahlbar ist, wirtschaftliches Wachstum ermöglicht und nicht zuletzt auf die Unterstützung breiter Bevölkerungsteile zählen kann.“ (Einblick April 2011, Seite 2).

So ist es. Warum also dann noch Atomkraft?

Autor

So einfach liegen die Dinge nicht: Aage Jordmundsen schreibt über Kirche, Politik und Kultur – also über das Leben. Kommentiert aus dem Off, aber von Herzen. Meidet das Licht, weil er im Dunkeln besser denken kann. In gewisser Weise ein noch unentdeckter Missing Link.

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