arbeiterchronometer

apropos gewerkschaft: das hat in unserer familie tradition. väterlicherseits stamme ich aus stettin, und dort an der lastadie wohnte die familie krüger. die meisten männer waren hafen- und werftarbeiter, einige sind auch zur see gefahren. und sie waren gewerkschaftler, sicher auch sozialisten, vielleicht kommunisten, oder irgendwas dazwischen.

mein vater, jahrgang 1920, berichtete, dass der gewerkschaftsnahe jugendverband, dem er angehörte, wie alle jugendverbände im reich nach 1933 gleichgeschaltet wurde. eines tages kam der gruppenleiter und verteilte braune hemden – damit war die gleichschaltung vollzogen. an der haltung der jungen änderte sich erst einmal nichts. die familiäre prägung war zu stark. und wenn man sich dann, wenn man braune hemden trug, unbehelligt treffen konnte: nun denn. mein vater erzählte auch von den engagierten im viertel, die über nacht verschwanden und nach wochen oder monaten wieder auftauchten: gezeichnet von der haft, um jahre gealtert. und schweigsam, denn sie durften nicht reden. aber, so sagte mein vater: wir wussten alle, was da passiert war.

aber das ist eine anderes thema.

denn heute geht es um ein familienerbe. auch dazu erst einmal ein kurzer ausflug in die geschichte. im jahr 1889 fand in paris der internationale arbeiterkongress statt. die erste internationale hatte sich 1876 aufgelöst, aber nun wuchs der wille nach einer zusammenarbeit über die ländergrenzen hinweg, und dieser wille prägte auch den kongress an der seine im juli 1889.

eines der themen des arbeiterkongresses war die forderung zur einführung des acht-stunden-tages. dazu sollten in allen ländern kundgebungen stattfinden – einheitlich am 1. mai, und erstmals 1890. um die idee des acht-stunden-tages in der arbeiterbewegung weiter zu verankern, aber auch zur finanzierung dieser kampagne boten die gewerkschaften ihren mitgliedern taschenuhren an, auf denen die parolen zum 8-stunden-tag zu lesen waren: “wir wollen 8 stunden zur arbeit • 8 stunden um uns auszubilden • 8 stunden um uns auszuruhen”.  und auf der rückseite stand: “arbeiter aller länder – vereinigt euch zur vertheidigung euerer rechte”.

ein werftarbeiter aus stettin, geboren in den 1850er jahren, selbstredend gewerkschaftlich engagiert, kaufte sich anfang der 1890er jahre einen solchen “arbeiterchronometer”. in die uhr ließ er unter dem hinteren sprungdeckel seinen namen eingravieren: august krüger. später schenkte er diese uhr seinem patenkind, dem sohn seines bruders louis emil julius krüger. dieser patensohn, emil august johannes krüger, war mein großvater. emil war im jahr 1892 geboren – die uhr also war älter als er.

mein großvater wiederum gab die uhr später an seinen ältesten sohn weiter, gerhard wilhelm erdmund krüger, meinen vater. ich habe dieses stück familiengeschichte vor gut 30 jahren von meinem vater bekommen, noch zu lebzeiten. das ist übrigens auch eine besonderheit dieser uhr: sie wurde immer zu lebzeiten weitergegeben, nie vererbt.

als ich sie bekam, war die uhr schon kaputt. ich erinnere mich, dass mein vater mehrmals versucht hatte, sie reparieren zu lassen – aber die uhrmacher haben immer abgewunken. irreparabel. lohnt sich nicht. zugegeben: es ist einst keine teure uhr gewesen. eine arbeiteruhr eben.

aber auch wenn sie nicht im wahren wortsinn anzeigt, was die stunde geschlagen hat, so erinnert sie doch an die gewerkschaftstradition unserer familie. die forderung auf der uhr, arbeit, bildung (also gesellschaftliche teilhabe) und erholung in ein vernünftiges verhältnis zueinander zu setzen, ist nach wie vor aktuell. vielleicht ist das der grund, warum ich so energisch an der 38,5-stunden-woche festhalte.

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