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was bleibt?

sms aus dem zughistorische dokumente gehören ins museum. in zeiten, als das leben noch nicht durchdigitalisiert war, war das auch zu bewerkstelligen. wenn personen der zeitgeschichte etwas bedeutsames hinterließen, können wir es vielleicht heute noch besichtigen. skizzen, fragmente, zettel mit wichtigen notizen.

im digitalen leben ist das schon schwieriger. aber auch heutzutage kommen kleine zettel zu ruhm und ehre. etwa der spickzettel, den jens lehmann 2006 benutzte, um deutschland im elfmeterschießen gegen argentinien zu retten. legendär auch der zettel, auf dem die kontrahenten mehdorn und schell im januar 2008 zeitplan und eckpunkte zur beendigung des tarifkonflikts bei der bahn notiert hatten. (ist der eigentlich im museum gelandet?)

was aber passiert mit den unzähligen sms, die geschichte schrieben – wir erinnern uns an die kommunikation zwischen merkel und gabriel im zusammenhang mit der bundespräsidentenwahl 2010 – die niemals im original im museum landen, weil es ein echtes original gar nicht gibt? weil die realität digital und damit irgendwie virtuell bleibt? ein handy mit der orginalbotschaft ins haus der geschichte? schwer vorstellbar.

ich weiß nicht, ob ich auch zu dem personenkreis gehöre, die geschichte geschrieben haben und deren zettel einzug ins museum halten sollten. heute aber sind mir beim aufräumen der nachrichten auf meinem iphone einige sms wieder vor augen gekommen, die irgendwie historisch sind. wenn auch nicht im weltgeschichtlichen rahmen.

die meisten davon zeige ich natürlich niemandem. die bleiben berühmte 30 jahre unter verschluss, bis sie von interessierten forscher/innen betrachtet werden dürfen. vielleicht lösche ich sie sicherheitshalber auch vorher. eine sms aber ist mir heute aufgefallen, deren bedeutung sich erst später erwiesen hat. wie das ja häufig bei historischen dokumenten der fall ist. als ich am 11. april 2008 im zug auf dem weg nach hannover war, um als vertreter von ver.di an den langen und zähen verhandlungen zur übernahme des tarifvertrags der länder für die knapp 30.000 beschäftigten der evangelischen landeskirchen in niedersachsen teilzunehmen, habe ich auf der höhe von verden eine sms an die anderen arbeitnehmervertreter/innen geschickt, in der ich eine mögliche verhandlungslinie skizziert habe. wochen später ist daraus der kompromiss entstanden, der im juni 2008 zu einer einigung in der arbeits- und dienstrechtlichen kommission geführt und die anbindung des kirchentarifs an den öffentlichen dienst sichergestellt hat. ob das wirklich historisch war, muss die zukunft zeigen. schon jetzt aber ist klar: diese botschaft aus dem zug von oldenburg nach Hannover wird nie im original im museum landen.

hätte ich damals die bedeutung dieses vorschlags erahnt, hätte ich keine sms geschickt. ich hätte die idee auf einen zettel geschmiert und ihn den kolleginnen und kollegen in der sitzung zugeschoben. chance verpasst. ich bin eben ungeübt in geschichte schreiben.

und meine handschrift kann eh niemand lesen.

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