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Sarrazin vertrocknet im Regal

Ein Gastkommentar von Aage Jordmundsen

Nun scheidet Thilo Sarrazin also auf eigenen Wunsch aus dem Bundesbank-Vorstand aus. Ist damit die Affäre um diesen verkrachten Möchtegern-Wissenschaftler und Pseudo-Demagogen ausgestanden? Können wir uns nun bitte wieder wichtigeren Themen zuwenden? Der Integrationspolitik zum Beispiel?

Denn eines ist ja wohl deutlich geworden: Thilo Sarrazin hat an der Lösung der bestehenden Integretionsprobleme in Deutschland gerade so viel Interesse wie ein Mafiaboss an der Abschaffung von Drogenhandel und Schutzgelderpressung. Tatsächlich trägt er mit seinem Buch – sollte er es denn überhaupt selbst geschrieben haben, denn bei seinen Medienauftritten wirkt er ja weder eloquent noch vermittelt er den Eindruck, sich in der Materie auszukennen, von der das Buch handelt – tatsächlich also trägt er zur Gestaltung einer gelingenden Integrationspolitik nichts Konstruktives bei.

Immer stärker drängt sich der Eindruck auf, hier hatte ein gescheiterter, wenig geliebter Politiker, der auf einen Versorgungsposten bei der honorigen Bundesbank abgeschoben worden war, einfach keine Freude mehr am eintönigen Alltag eines Bankvorstandes (zumal seine Zuständigkeiten nach früheren despektierlichen Äußerungen über türkische Mitbürger bereits eingeschränkt waren). Warum also nicht mit Getöse den Rückzug antreten – unter Auslösung eines maximalen Kollateralschadens?

Sarrazin schadet.

Er schadet der Medienkultur in Deutschland. Haben sich doch alle Medien (einschließlich der Deutschen Verlags-Anstalt) mit einem Pawlowschen Reflex auf diese fette Beute gestürzt und dem Skandal damit eine gegeben, die ihm gar nicht gebührt. Es liegt doch nahe, dass Sarrazin für diesen gequälten Unsinn überhaupt keinen Verlag gefunden hätte, wäre er nicht als Skandalfigur schon bekannt und berüchtigt gewesen – und somit ökonomisch interessant. Sarrazin verspricht Umsatz und Einschaltquote. Das hat mit Aufklärung und Information gar nichts zu tun. Hier geht es für die Medien um Marktstellung. Diesen Skandal zu übersehen können sich die Talkshows, Zeitungen und Magazine dieser Republik nicht leisten. Leider.

Er schadet der SPD, die sich von diesem Medienhype hat irritieren lassen und diesen unsäglichen Beschluss gefasst hat, Sarrazin aus der Partei auszuschließen. Und dabei übersieht, wie unglaublich viel Stammtisch doch selbstverständlich Mitglied der Volkspartei bleibt, ohne dass sich irgendjemand darum kümmert. Auch die SPD hat Wichtigeres zu erledigen als sich solcher Mitglieder zu entledigen.

Er schadet der Bundesbank, der Bundeskanzlerin, dem Bundespräsidenten. Auch hier: Warum lassen sich erfahrene Politiker/innen und Institutionen so vor den Karren einer Marketingkampagne spannen? Nun, da die Bundesbank anlässlich des „freiwilligen“ Ausscheidens ihres Vorstandsmitgliedes auch noch eine Ehrenerklärung für ihn abgeben muss, gibt sie sich der Lächerlichkeit preis.

Und Sarrazin schadet der Integrationspolitik.

Denn keiner, der sich in diesen Wochen (angesichts des Buchinhaltes) so empört und („die Integrationspolitik der letzten Jahrzehnte war halbherzig“) so einsichtig zeigt, hat zwischenzeitlich wirklich etwas zur Verbesserung der Situation beigetragen. Wo bleibt denn die Initiative in der Bildungspolitik? Wo bleibt denn das zukunftsweisende Einwanderungsrecht?

Nicht zuletzt lenkt die Affäre Sarrazin von den wirklich dramatischen politischen Fragen der Gegenwart ab – von dem kläglichen Versagen der Bundesregierung in der Atompolitik zum Beispiel. Da scheint es gerade so, als habe Frau Merkel persönlich einen Druckkostenzuschuss gegeben – aktive Vernebelungstaktik, sozusagen. Tatsächlich – im Windschatten des Buches „schafft Deutschland sich ab“: als ein Land, dass für Innovation, Nachhaltigkeit und Verantwortung für das globale Überleben eintritt.

18 Prozent, so heißt es, würden eine Sarrazin-Partei wählen. Wer will davor wirklich Angst haben? In Deutschland? Wo es fast unmöglich ist, eine neue politische Partei dauerhaft zu etablieren? An der Idee sind doch schon ganz andere gescheitert.

Richtet das Buch nun wirklich Schaden an? Hand aufs Herz: Wer liest denn freiwillig so einen Schmarrn? Dass einige Journalisten und Politiker sich das Buch ansehen mussten, um in der Medienwelt zu bestehen – geschenkt. Aber der normale Durchschnittsleser? Geschweige denn die Durchschnittleserin? Vermutlich wird das Buch das Schicksal vieler Hauptvorschlagsbände von Bücherclubs teilen: es vertrocknet ungelesen im Regal. Man dachte, man müsse es lesen – aber dann hat es sich als so langweilig und flach erwiesen, dass man über den Klappentext nicht hinausgekommen ist.

Nein, dieses Buch schadet nicht wirklich. Es spült dem Autor oder Namensgeber Millionen in die Tasche. Wer schlau genug war, verdient an dieser Welle mit. Das war’s.

Können wir nun also endlich zu den wirklich relevanten Themen zurückkehren – zur Integrationspolitik zum Beispiel?

Autor

So einfach liegen die Dinge nicht: Aage Jordmundsen schreibt über Kirche, Politik und Kultur – also über das Leben. Kommentiert aus dem Off, aber von Herzen. Meidet das Licht, weil er im Dunkeln besser denken kann. In gewisser Weise ein noch unentdeckter Missing Link.

2 Kommentare

  1. Die Bundesbank hat ihr Problem Sarrazin jetzt gelöst. Auch wenn es jetzt das öffentlich gemacht hat was immer vermutet wurde. Die Bundesbank ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Der Weber hat ja nur das gemacht, was die Merkel ihm gesagt hat. Dieser Mann ist für die EZB natürlich nicht geeignet. Der ist reif für den Ruhestand.

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