Politik

bilder aus dem krieg

belgien 1940seit vielen jahren hüte ich einen für mich sehr wertvollen familienschatz: fotos, die mein onkel um 1940 in belgien, in frankreich und den niederlanden aufgenommen hat. die ca. 100 bilder zeigen unterschiedlichste perspektiven des krieges: marschierende soldaten, marschierende zivilisten in den besetzten ländern. zerstörte brücken, häuser, panzer, autos. gräber von gefallenen soldaten. naziflaggen an rathäusern. ausgelassene soldaten in ihrer freizeit, schlafende soldaten im schützengraben. kavallerie. männer im lazarett.

die bilder sind privat, subjektiv, zufällige augenblicksaufnahmen. ohne den anspruch dokument zu sein. und doch sind sie genau dies. sie dokumentieren den krieg. mit den augen eines jungen soldaten, der drei jahre später, im sommer 1943, in russland von einer granate zerrissen wird.

wie gesagt, diese bilder sind schon lange in meinem besitz. mit ihnen habe ich z.b. unseren kindern den krieg illustrieren können, jenseits der offiziellen geschichtsbücher, als einen teil ihrer eigenen geschichte – unserer familiengeschichte.

und nun habe ich diese bilder wieder hervorgeholt. in meinem projekt “erzählte geschichte” berichtet meine mutter, die schwester jenes fotografen, von ihrem leben. vom aufwachsen in den 20er und 30er jahren des letzten jahrhunderts, von der zeit nach dem zweiten weltkrieg. aber eben auch von der zeit zwischen 1939 und 1945. wie es damals war im nordwesten deutschlands, im ammerland, in der friesischen wehde, im oldenburgischen. und wie es war mit den zwei brüdern, meine onkel, die beide ich russland gefallen sind.

nun hole ich diese bilder wieder hervor, denn sie werden noch einmal stille zeugen dieser zeit. sie vervollständigen die erzählungen meiner mutter und gehören zur geschichte unserer familie. als mein onkel diese aufnahmen gemacht hat, als besatzer zwar, aber offensichtlich ohne kriegspathos, eher vorsichtig, fast fragend, da ahnte er nicht, dass er als kommentator und erklärer dieser auf zelluloid gebannten geschichte nicht mehr lange zur verfügung stehen würde. vielen bildern ist anzumerken, dass er offenbar doch auch zweifel an diesem krieg hegt. diese bilder verherrlichen nicht – sie entlarven den krieg.

die aufnahmen sind leider nur sehr sporadisch beschriftet: belgien 1940, frankreich 1940 – selten mal ein name eines kameraden, so gut wie nie ein konkreter ort. weniges kann vielleicht durch eintragungen in seinem wehrpass noch erschlossen werden, aber das meiste bleibt unklar. so verliert sich die spur meines onkels, trotz aller bilder, und die zerstörten häuser, die gräber, die alltagsszenen werden zu metaphern, stehen auf einmal für den wahnsinn und den horror des zweiten weltkrieges insgesamt. diese tiefe bedeutung seiner fotografien war dem jungen soldaten an der westfront sicher nicht bewusst.

Autor

Uwe Martens: Birdy. Bücher. Dansk. Djembé. Dram. Drum. FCSP. Foliba. Fotos. Kirche. Majiang. Musik. Oldenburg. Politik. PPP. PR. Web. Welt. Zukunft. 1959.

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