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Heiligenbilder und schrille Lieder

ein Gastkommentar von Aage Jordmundsen

Skurrile Blüten treibt der Kult um die ehemalige hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann. Ein Mitarbeiterverband der Landeskirche hatte vor ein paar Tagen die Wiederwahl der nach einer Trunkenheitsfahrt im Februar 2010 von ihren Leitungsämtern zurückgetretenen Theologin gefordert. Nun initiiert er eine Aktion anlässlich ihrer ersten Predigt in Hannover nach dem Rücktritt: Gottesdienstbesucher/innen sollen am kommenden Sonntag nach dem Gottesdienst in der Marktkirche Bildchen hochhalten, die der Verband vorher in einer Auflage von 5.000 Stück verteilen will. Darauf ist die Pfarrerin im Ornat der Landesbischöfin abgebildet – verbunden mit dem Aufruf “2. Amtszeit”.

Auf der Webseite des Verbandes MVV und in einer Rundmail informiert der Vorsitzende Werner Massow über die Aktion und präsentiert zugleich das Heiligenbildchen mit einem erläuternden Text. Doch damit nicht genug. Es gibt auch ein “wunderbares Lied” (Zitat MVV) einer Kindergartenleiterin aus dem Hannöverschen, singbar zur Melodie von “Komm, sag es allen weiter”. Darin wird die Ex-Bischöfin zur Heilsbringerin stilisiert: “Sie ist doch für uns alle ein lang ersehntes Glück”. Geradezu mystisch verklärt heißt es weiter: “wir haben Margot Käßmann, jetzt lang genug entbehrt” (Komma im Original). Sie ist die Übermutter, die Mutter Theresa der modernen Gesellschaft: “ein Mensch für uns bereit. Kennt alle Sorgen, Ängste, und nimmt sich für uns Zeit”. Reim’ dich, oder ich fress’ dich: “Frau Käßmann soll es sein”.

Frau Käßmann wird dieser Personenkult eher unangenehm sein – zu Recht. Der Verband nimmt zwar sehr populistisch eine Stimmung auf, die in Kreisen evangelischer Christen in der hannoverschen Landeskirche möglicherweise existiert – politisch gescheit ist diese eher rückwärts gewandte Aktion sicher nicht. Der Mitarbeiterband blendet vollkommen aus, dass es in einer protestantischen Kirche eben nicht um Personenkult und Überhöhung gehen kann, dass das Heil auch nicht nicht von einer einzigen Bischöfin abhängt. Auch eine Bischöfin Käßmann war zunächst einmal Teil einer konservativen, hierarchischen und keineswegs modern strukturierten Kirche. Wirkliche Veränderungen setzen an den Strukturen an, nicht an der Frage, ob Frau Käßmann noch einmal antreten soll. Die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen hat kürzlich in einem Interview mit der taz deutlich gesagt, dass der Rücktritt nach der Fahrt unter Alkoholeinfluss unausweichlich war. Dieser Rücktritt, so Jepsen, habe durchaus Vorbildcharakter. Und ich füge hinzu: Ihn jetzt rückgängig zu machen, würde ihn im Nachhinein zu einem bloßen Kalkül verkommen lassen.

Bischöfin Jepsen hat sich in dem Interview auch zum Hype um Käßmann, der sich ja besonders auch auf dem Ökumenischen Kirchentag zeigte, kritisch geäußert: “… ob das so hilfreich ist, wird man nachher sehen, weil sie ja auch ein ganz normaler Mensch ist.” Und so muss sich auch der MVV jetzt fragen lassen, ob er der Entwicklung der Kirche und letztlich auch Margot Käßmann persönlich mit dieser Aktion nicht eher schadet. Der Mitarbeiterverband instrumentalisiert die Theologin und setzt sich zugleich mit seinem Amts- und Personenverständnis an die Spitze einer Rekatholisierungsbewegung – und das hat Frau Käßmann wirklich nicht verdient. Sie verdient Respekt für ihre Entscheidung, zurückzutreten, und die gebotene respektvolle Zurückhaltung in Bezug auf die nächsten Schritte, die sie gehen wird. Sie ist nicht bei DSDS rausgeflogen, sie braucht keine Fans, die sie nun nach oben schreien. Margot Käßmann wird auch als Theologin ohne Bischofsamt wichtige Impulse für den deutschen Protestantismus geben.

Vielleicht geht es dem Mitarbeiterverband auch gar nicht um die großen politischen Ziele. Vielleicht sieht er in dem Fall Käßmann lediglich einen willkommenen Hebel, um sich selbst in den Mittelpunkt und in die Öffentlichkeit zu bringen. Es ist doch etwa erstaunlich, dass der Verband offenbar gar nicht versucht, sich in dieser Frage mit anderen Bewegungen zu vernetzen. Inwieweit das Drucken und Verteilen von Pastorinnenbildern überhaupt zu den Aufgaben des Verbandes gehören, ist von den Mitgliedern zu diskutieren. Deutlich wird aber, wie groß die Not des MVV ist, wenn er sich solcher Wege bedienen muss. So bleibt die Aktion am kommenden Sonntag vor allem eines: Peinlich.

Autor

So einfach liegen die Dinge nicht: Aage Jordmundsen schreibt über Kirche, Politik und Kultur – also über das Leben. Kommentiert aus dem Off, aber von Herzen. Meidet das Licht, weil er im Dunkeln besser denken kann. In gewisser Weise ein noch unentdeckter Missing Link.

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