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kempowskiesk

durch einen artikel in der taz bin ich überhaupt erst darauf gekommen: ein buch über das leben als jugendlicher im emsland in den 70er jahren – das stellte ich mir so ähnlich vor wie das, was ich selber in friesland erlebt hatte, nur etwas katholischer. und so habe ich zu diesem buch gegriffen: “jugendroman” von gerhard henschel. dass der autor bereits einen “kindheitsroman”, gewissermaßen den ersten band der jugendsaga, veröffentlicht hatte, war bisher komplett an mir vorbei gegangen.

jugendroman: ein faszinierendes buch. ähnlich wie in dem biografischen band von precht (lenin kam nur bis lüdenscheidt) habe ich vieles von dem entdeckt, was mein eigenes erwachsenwerden ausgemacht hat: politische ereignisse, bücher, musik, schulerlebnisse, familie mit geschwistern, freunde, schule, konfirmation, freizeitleben. henschel erzählt subtil-humorvoll-ironisch das leben seines alter ego martin schlosser, jahrgang 1962 (also 3 jahre jünger als ich). kein wirklich ereignisreicher roman, vielmehr die lapidare schilderung von prägendem alltag. wie entwickelt man politisches bewusstsein? wie kommt man zu überzeugungen und haltungen? henschel beschreibt es akribisch, sauber recherchiert – in einem im besten sinne kempowskiesken stil präsentiert er das leben eines jugendlichen im ländlich-kleinstädtischen millieu. meppen unterscheidet sich da nicht wirklich von varel (dem ort, in dem ich aufgewachsen bin).

wie ein roter faden durchzieht die fußballleidenschaft des protagonisten den roman; diese sequenzen sind mir als nicht-fan zu üppig (obwohl selbst ich mich an die fußballer dieser zeit erinnere). aber ansonsten: vieles – von den diskussionen um linke politik und terrorismus bis zur die freude über die 25 dm als autorenhonorar für einen artikel in der zeitlupe – habe ich wiedererkannt und mit sentimentaler freude gelesen.

ein lesegenuss vielleicht hauptsächlich für menschen, die ihre eigene biografie mit diesen wirren 70er jahren verbinden. gerade jüngere leser/innen hingegen werden eine gehörige portion geschichtliches und kulturelles interesse mitbringen müssen, um dem roman folgen zu können oder wollen. oder aber daran interessiert sein, wie ihre eigenen eltern vor gut 30 jahren als jugendliche lebten und litten. wer sich darauf einlassen kann und den episodenhaften stil mag, der wird voll auf seine kosten kommen.

zur einstimmung lohnt es sich, ein interview anzuhören, das als podcast bei literaturcafe.de veröffentlicht wurde: der autor berichtet anlässlich der frankfurter buchmesse 2009 über seine recherchearbeit und den hintergrund zu diesem buch.

gerhard henschel, jugendroman, erschienen bei hoffmann und campe, über 500 seiten. ich habe es übrigens als e-book auf meinem cybook opus verschlungen.

über

Uwe Martens: Birdy. Bücher. Dansk. Djembé. Dram. Drum. FCSP. Foliba. Fotos. Kirche. Majiang. Musik. Oldenburg. Politik. PPP. PR. Web. Welt. Zukunft. 1959.

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